Die Ereignisse rund um die Verhaftung Jesu werden in diesem Evangelium deutlich anders beschrieben. Der Ort wird nur als Garten bezeichnet, bei dem es sich um Getsemani handeln kann, aber nicht muss. Es gibt keine Versuche von Jesus, Gott im dramatischen Gebet doch noch von der Kreuzigung abzubringen. Ja, es gibt nicht mal das kürzeste Zaudern bei ihm, sondern die Gewissheit, dass er diesen Weg gehen muss. Entsprechend gibt es auch keine schlafenden Jünger, sehr wohl aber den Verrat durch Judas (aber keinen Kuss), der mit bewaffneten Männern unter Führung des Hohepriesters auftaucht.

„Wen sucht ihr?“, will Jesus von ihnen wissen, und als sie seinen Namen nennen, entgegnet er: „Ich bin es!“

Nachdem er das ausgesprochen hatte, wichen sie zurück „und stürzten zu Boden“. Da sie aber gleich darauf wieder aufstanden, hatte das keine wirkliche Auswirkung auf die kommenden Ereignisse. Jesus konnte dafür sorgen, dass seine Jünger in Frieden gelassen wurden, auch wenn an keiner Stelle der Eindruck bestand, dass sich die Bewaffneten für sie interessierten. Hätte einer der Jünger nicht in übermütiger Heldenpose das Schwert gezogen und dem Diener des Hohepriesters das Ohr abgehauen, hätte man sie vielleicht gar nicht wahrgenommen. Mit den Worten „Steck das Schwert in die Scheide!“ trat Jesus selbst diese kleine Flamme des Widerstandes aus, heilte aber die Verletzung des Dieners nicht, was er im Lukas-Evangelium tat.

Schließlich wurde Jesus gefesselt abgeführt und vom Hohepriester befragt, wobei es zu ersten Misshandlungen kam. Danach brachten „die Juden“ Jesus zum römischen Statthalter Pilatus, der aus seiner polytheistischen Sicht tief in die Streitereien zweier rivalisierender und gleichermaßen lächerlicher Sekten hineingezogen wurde, die im Grunde dasselbe glaubten. Er wollte darum auch nichts mit dem Fall zu tun haben, aber die jüdischen Ankläger erinnerten ihn daran, dass es ihnen nicht gestattet sei, Hinrichtungen durchzuführen. Also musste Pilatus eine Befragung Jesu vornehmen, von dem er wissen wollte, ob er „König der Juden“ sei, wie seine Gegner behaupteten.

Als Jesus wissen will, wie er auf diese Frage kommt, meint der Statthalter genervt: „Bin ich denn Jude?“, um seine emotionale Distanz zu diesem Streit zu betonen. Weil er diesen unangenehmen Fall schnell erledigen will, fragt Pilatus: „Was hast du getan?“ Woraufhin zurückkommt: „Mein Königreich ist nicht von dieser Welt“, was keineswegs eine Antwort darstellt, aber Pilatus richtigerweise einwerfen lässt: „Also bist du doch ein König?“

Nun bestätigt es Jesus und ergänzt: „Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme“, worauf Pilatus die naheliegende Frage stellt: „Was ist Wahrheit?“ Nachdem sich sein Verhör damit einer philosophischen Debatte näherte, ging Pilatus zu den jüdischen Anklägern und unterrichtete sie über den Fortgang seines Verhörs, wobei er sich kurz fassen konnte: „Ich finde keine Schuld an ihm.“ Und als ob er ihnen nicht richtig zugehört hätte, schlug er stattdessen vor, ihn einer Tradition folgend an Pessach freizulassen. Diesen Schritt verhinderten der Hohepriester und seine Männer, indem sie sich lautstark für die Freilassung eines Räubers mit Namen Barabbas einsetzten.  

Da Pilatus damit Jesus weiterhin nicht los war, hoffte er, dass ein paar Misshandlungen, Geißelungen und Demütigungen „den Juden“ vielleicht reichen würden. So setzten die römischen Soldaten ihm einen Dornenkranz auf den Kopf und kleideten ihn in einen purpurroten Mantel, um Jesus sogleich als König zu grüßen. Zwar betonte Pilatus danach erneut, dass er keine Schuld an Jesus erkennen könne, aber der Hohepriester bestand weiter auf der Hinrichtung. Da es Pilatus letztlich egal war und er einfach nur Interesse an Ruhe und Stabilität hatte, gab er endgültig nach und ordnete die Kreuzigung an.

(Fortsetzung folgt…)