Je länger das Johannesevangelium dauert, desto mehr unterscheidet es sich von den drei anderen. Ein Mann namens Lazarus erhält in dieser Geschichte einen spektakulären Auftritt, für den sein vorheriger Tod unvermeidlich war. Auch Jesus trauert um ihn (die einzige Stelle in der Bibel, in der er Tränen vergießt) und zieht schließlich mit den Verwandten des Verstorbenen und einer großen Menschenmenge zum Grab des Lazarus. Er ist fest entschlossen, den Verstorbenen zurück ins Leben zu rufen. Da dieser aber schon vier Tage tot ist, gibt dessen Schwester zu bedenken: „Herr, er riecht aber schon.“

Das bringt Jesus nicht von seinem Entschluss ab und so ruft er in die Höhle hinein: „Lazarus, komm heraus!“ Die Menschenmenge hält den Atem an (hoffentlich nicht wegen der erwähnten Gerüche) und tatsächlich: „Da kam der Verstorbene heraus, seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt.“

Tatsächlich schien sich Lazarus von seinem viertägigen Tod schnell erholt zu haben und wurde zu so etwas wie einer Sehenswürdigkeit, denn Menschen nahmen lange Reisen in Kauf, um ihn leibhaftig zu sehen. Für ihn selbst sollte das alles aber nicht nur Vorteile bringen, denn die Feinde Jesu entschlossen sich nicht nur, Jesus zu töten, sondern setzten Lazarus gleich mit auf ihre Liste.

Offenbar war diese Auferweckung der Moment, der dafür sorgte, dass die religiöse Elite keine andere Möglichkeit mehr sah, als Jesus aus dem Weg zu räumen. Aus Angst vor Übergriffen mied Jesus eine Weile lang bestimmte Gegenden. Im Johannesevangelium wird der Einzug Jesu in Jerusalem außerdem zu einer offenen Provokation gegenüber den Priestern, die seinen Tod zum Ziel hatten. Dass er dabei von der Bevölkerung jubelnd empfangen wurde, dürfte nur die Bereitschaft gestärkt haben, ihn zu beseitigen.

Unklar bleibt bei Johannes, wem der Esel gehört, auf dem Jesus in die Stadt einzieht. Allerdings spricht fast alles dafür, dass er ihn auch in diesem Evangelium gestohlen hat, denn: „Jesus fand einen jungen Esel und setzte sich darauf.“ Obwohl er also wusste, wie gefährlich ein Besuch in Jerusalem war, entschied sich Jesus für diesen Gang. Auf einem Esel, der nicht ihm gehörte.

(Fortsetzung folgt…)