In jener Zeit glaubten aber auch seine Brüder nicht an ihn, und es gab öffentliche Vorwürfe, dass er nicht der Messias sei, sondern schlicht „von einem Dämon besessen“. Wenn erst einmal die eigene Glaubwürdigkeit öffentlich in Frage gestellt wird, ist es umso schwerer, sich wieder als Autorität zu etablieren. Auch im Falle von Jesus wurde nun alles immer kritischer bewertet.
Als er erwähnte, dass er nur kurze Zeit unter den Menschen weilen werde, bevor er an einen Ort gehe, wohin niemand von ihnen gelangen könne, hatten „die Juden“ den pragmatisch-irdischen Verdacht, dass er sich womöglich nach Griechenland absetzen könnte. Für sie offenbar der Inbegriff von Fremd- und Andersartigkeit.
Tatsächlich schaukelten sich die hitzigen Streitgespräche zwischen Jesus und „den Juden“ bis an die Schwelle zur Gewalt. Jesus warf ihnen vor, Sklaven zu sein. Diese entgegneten mit stolzem Verweis auf ihre Abstammung von Abraham, dass sie noch nie Sklaven gewesen seien und er sie darum auch nicht befreien könne. „Ihr seid Sklaven der Sünde!“, brachte Jesus eine völlig neue Sicht auf die Sklaverei ein, die außer ihm zunächst kaum jemand teilen wollte. „Unser Vater ist Abraham!“, wiederholten „die Juden“, und Jesus ging sie frontal an mit der Behauptung, dass sie dann ja wohl auch „die Werke Abrahams tun würden.“
Daraufhin legten „die Juden“ nach und erklärten Gott zu ihrem Vater, nur damit Jesus das direkt bestritt und stattdessen den Teufel zu ihrem Vater erklärte. Dem „Vater der Lüge“. Daraufhin wurde ihm vorgeworfen, „von einem Dämon besessen“ zu sein, bevor er bald darauf aus dem Tempel floh, nachdem „die Juden“ sich daran machen wollten, ihn zu steinigen. (Es gab später eine weitere Situation, in der er einer Steinigung nur knapp entkam. Erneut im Tempel und erneut nach einem unversöhnlichen Streit. Er floh daraufhin für eine Weile aus Judäa.) Die Kritiker Jesu hatten außerdem ein wichtiges Argument: „Lies doch nach und siehe, aus Galiläa kommt kein Prophet!“
Auch wenn Jesus in vielen Dingen eine strengere Auslegung der Gesetze forderte, überraschte er in anderen mit einer ungewohnten Entspanntheit. Während er (zumindest in den drei anderen Evangelien) Scheidungen nur für den Fall erlauben wollte, in dem die Frau der Unzucht überführt sei, reagierte er auf eine geständige Ehebrecherin überraschend milde. Die Pharisäer erinnerten Jesus daran, dass darauf laut Moses die Steinigung stehen würde.
Doch er ging in seiner Antwort gar nicht auf die Frau, auf Steinigung und auf Moses ein, sondern überraschte die Umstehenden, indem er sie alle anblickte und aufforderte: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ Daraufhin hatten die Ankläger ihre Lynchjustizstimmung eingebüßt und gingen davon. Nur die Ehebrecherin blieb da und ging erst, als Jesus ohne weitere Worte der Mahnung sagte: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.“
(Fortsetzung folgt…)
