Während Jesus noch aufgebracht seine müden Anhänger antreibt, treten bewaffnete Männer hinzu, die vom Hohepriester und von Judas angeführt werden. Letzterer war offenbar nicht mit den anderen Jüngern zusammen gewesen, was offenbar niemanden auffiel. Bis jetzt zumindest. Der vom Satan verführte Judas tritt an Jesus heran, um ihn zu küssen, was das vereinbarte Erkennungszeichen darstellte. Warum er davon ausging, dass Jesus dem Hohepriester unbekannt gewesen sein könnte, in dessen Tempel er regelmäßig auftrat, bleibt das Geheimnis von Judas.
Jedenfalls kommentiert Jesus diesen halb empört und halb enttäuscht: „Judas, mit einem Kuss lieferst du den Menschensohn aus?“ Erst jetzt begriffen die Jünger, was bevorstand, und fragten Jesus: „Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?“ Wer so fragt, ist als Kämpfer ohnehin nicht geeignet, wird sich auch Jesus gedacht haben, und wurde prompt darin bestätigt, als der übermotivierte Hieb eines Jüngers dem Diener des Hohepriesters das Ohr abschlug. Darum kam nur ein resigniertes „Lasst es! Nicht weiter!“, bevor er das Hörvermögen des Verletzten wieder herstellte, indem er „das Ohr berührte“ und sich danach abführen ließ.
Petrus verleugnet Jesus auch in dieser Version dreimal, allerdings lässt Lukas den Moment dramatischer erscheinen, in dem sich diese Prophezeiung erfüllt. Petrus folgte dem gefangenen Jesus und wurde dabei von feindseligen Menschen als einer der Jünger erkannt, was er bestritt und bestritt und bestritt: „Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn. Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an!“ Daraufhin „weinte Petrus bitterlich“. Jesus aber hätte ihn selbst dann nicht trösten können, wenn er gewollt hätte, denn er selbst wurde von seinen Entführern verhöhnt und misshandelt. Sie verhüllten sein Gesicht und nach jedem Schlag fragten sie johlend, wer ihn geschlagen hat. Er müsse das doch wissen, er sei doch schließlich ein Prophet.
Der Prozess, den der Hohepriester danach abhielt, war eine einzige Farce und diente nur dazu, dem Komplott gegen Jesus den Anstrich einer gerechten Verhandlung zu verleihen. Nachdem sie ihn der Gotteslästerung „überführt“ hatten, folgte der Teil ihres Plans, der ihre eigene Machtlosigkeit bewies. Da die Römer das Land beherrschten, durfte der Hohepriester keine Todesurteile verhängen, sondern musste sich diese vom Statthalter Roms genehmigen lassen. Dieser hieß damals Pilatus und konnte in all den Vorwürfen gegen Jesus nichts erkennen, was gegen römisches Recht verstößt.
Da die Römer generell ein ausgesprochen liberales Verständnis der Götterwelt an den Tag legten, beeindruckte es sie nicht sonderlich, wenn sich jemand selbst als Gott oder dessen Sohn sah. „Ich finde keine Schuld an diesem Mann“, meinte Pilatus darum, bevor er froh war, den Fall an Herodes abgeben zu können, aus dessen Herrschaftsgebiet Jesus stammte. Herodes ist in diesem Evangelium kein paranoider Kindermörder, sondern ist erst hocherfreut, Jesus kennenzulernen, da er sich „ein von ihm erwirktes Zeichen erhofft“. Nachdem Jesus ihn aber beharrlich anschwieg, kippte die Stimmung und aus Vorfreude wurde Enttäuschung, die Herodes an seinem Gefangenen ausließ.
Nachdem Jesus auch dort Demütigungen ertragen musste, kleidete ihn Herodes in ein Prunkgewand und schickte ihn so als König verkleidet zu Pilatus zurück, dem diese Art von Humor offenbar gefiel, denn: „An diesem Tag wurden Herodes und Pilatus Freunde; vorher waren sie Feinde gewesen.“
Trotzdem sah Pilatus weiterhin die Bedingungen für eine Hinrichtung nicht erfüllt. Allerdings bot er als Kompromiss an, Jesus auspeitschen zu lassen, worauf der Hohepriester und die Ältesten empört reagierten. Sie setzten sich dafür ein, dass der Mörder Barabbas freigelassen wird, damit Jesus nicht an dessen Stelle die traditionelle Pessach-Begnadigung erhielt, über die Pilatus spekuliert hatte.
Der Römer erwähnte im weiteren Verlauf erneut, dass er keine todeswürdige Schuld bei Jesus erkennen kann, doch die Priester und Ältesten gaben keine Ruhe und „mit ihrem Geschrei setzten sie sich durch“ und Pilatus ließ ihnen ihren Willen, der für Jesus den Tod am Kreuz besiegelte.
Fortsetzung folgt…
