Die Abneigung gegenüber den Samaritern ist auch zweitausend Jahre nach der Niederschrift dieser Texte nicht zu übersehen. Bei ihnen handelt es sich (ja, es gibt tatsächlich noch heute eine winzige Gemeinschaft) um eine Gemeinschaft, die gemeinsame Wurzeln mit dem Judentum hat, aber nur die Fünf Bücher Moses akzeptiert. Im Grunde ist für sie alles, was danach im Alten Testament folgt – und das ist eine ganze Menge – schon das Neue Testament und somit das tatsächliche Neue Testament schon das Neueste Testament. Jedenfalls gab es wohl deswegen massive Konflikte zwischen Juden und Samaritern, wobei Jesus diese antisamaritische Stimmung nutzte, um darauf aufbauend Zeichen zu setzen.
So bekommt das Beispiel des „barmherzigen Samariter“ erst dadurch richtig Gewicht, dass dieser Gemeinschaft allerhand Niedertracht unterstellt wurde. Umso kraftvoller ist es dann, wenn Jesus davon berichtet, wie sowohl ein jüdischer Priester als auch ein Tempeldiener an einem schwer Verletzten vorbeischritten, der am Straßenrand lag, während ein Samariter (ein Samariter!) sich um ihn kümmerte. An anderer Stelle heilte Jesus zehn Menschen, die schwer an Lepra erkrankt waren, von denen sich jedoch nur einer bedankte und Gott pries. Ausgerechnet ein Samariter und damit ein Fremder, wie Jesus an dieser Stelle nochmal besonders betont: „Wo sind die neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren außer diesem Fremden?“
Wie tief das Misstrauen und die Verachtung füreinander waren, musste aber Jesus auch selbst erleben, als er in einem Dorf der Samariter keine Unterkunft erhielt. Zwar wollten seine Jünger es nochmal versuchen und nun auch „mit Feuer vom Himmel“ drohen, wenn die Samariter weiterhin stur blieben, aber Jesus hielt nichts davon, sich auf so rabiate Weise um ein Bett zu bewerben und so zogen sie weiter.
Bei Lukas bekommt auch das Vorgehen von Jesus mehr strategische Tiefe. Während er in den beide anderen Evangelien eher spontane Reisen zu unternehmen scheint, ist hier die Rede von zweiundsiebzig Jüngern, die ihm in die Städte und Dörfer vorauseilen sollen, die er selbst besuchen wollte (also nicht nur die Zwölf, die später auch zu seinen Aposteln werden). Er überlässt also nichts dem Zufall, sondern will dafür sorgen, dass überall schon von seinen Taten geredet wird, bevor er ankommt.
In diesem Rahmen wird klar, dass sich im Lukas-Evangelium Jesus ebenfalls die Vernichtung der Orte wünscht, die seine Jünger abweisen. Wobei er dabei auch gleich betont, warum sie sich nach der Abweisung den Staub von den Füßen zu klopfen haben. Es ist eine Demonstration der Abscheu, mit der gezeigt werden soll, dass man mit diesem Ort nichts zu tun haben will und darum sogar dessen Staub zurücklässt. Eine dramatische wie etwas infantile Geste also.
(Fortsetzung folgt…)
