Eine verstörende Geschichte ist „Das Beispiel vom reichen Man und vom armen Lazarus“, in der ein namenloser Reicher in seiner Villa Feste feiert, während der arme Lazarus vor dessen Tür im Dreck liegt und schon mit den Resten zufrieden gewesen wäre, die von der Feier übrigblieben.
Doch die bekam er nicht, weswegen ihn nicht viel mehr vom Hunger ablenkte als die Hunde, die an seinen zahlreichen Geschwüren leckten. Jener Lazarus hatte also ganz offenbar ein schweres Leben voller Demütigungen, Not und Mühsal, während auf der anderen Seite der Hauswand ein Mann sorglos und ungehemmt seinen Reichtum genoss.
Lazarus starb eines Tages und vermutlich wurde sein Tod kaum beachtet, wohingegen der Tod des Reichen sicherlich eine prunkvolle Beerdigung nach sich zog, die er sich als verehrtes Mitglied der Gemeinde auch verdient hatte. Doch während auf der Erde noch Loblieder auf ihn gesungen wurden, stand der Reiche in der Unterwelt inmitten von Flammen und „litt qualvolle Schmerzen“, während er Lazarus erblickte, der seinen Platz nicht in einem Feuermeer, sondern im Schoss Abrahams gefunden hatte.
Der Reiche flehte Abraham an, ihm zu helfen, doch dieser erläuterte: „Mein Kind, erinnere dich, dass du schon zu Lebzeiten deine Wohltaten erhalten hast, Lazarus hingegen nur Schlechtes. Jetzt wird er hier getröstet, du aber leidest große Qualen.“
Er warf dem Reichen also nicht mal vor, dass er zu Lebzeiten Lazarus keines Blickes gewürdigt hatte und ihm keine Hilfe gewährte, sondern sprach von einer höheren Gerechtigkeit, nach der nun Lazarus am Zug sei mit ein wenig Glücksempfinden. Zudem schob Abraham noch ein ganz praktisches Problem nach, warum das mit einer Rettung nichts wird: „Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wolle“.
Als der Reiche einsah, dass ihm nicht mehr zu helfen war, dachte er an seine Brüder, was zeigt, dass er nicht ganz selbstsüchtig war. Abraham solle sie doch bitte warnen, ihr Leben anders zu führen als er, damit sie nicht auch auf seiner Seite des Grabens landen. Doch Abraham ging nicht darauf ein, da sie doch die Worte des Mose und der Propheten kennen würden und darum wüssten, worauf sie sich einlassen. Was dafür spricht, dass der reiche Mann wenigstens absehbar in der Gesellschaft seiner fünf Brüder brutzeln würde.
(Fortsetzung folgt…)
