Bundespräsidentin Merkel, Günther Jauch und Oprah Winfrey

Kurze Zeit später und einige hundert Meter entfernt, umringte am Spreeufer eine Schar deutscher Inlandstouristen sehr alten Semesters einen kleinen, gebräunten Stadtführer. Er kommt aus den USA und läuft regelmäßig diese Route mit seinen – oft ebenfalls amerikanischen – Kunden ab. Auch er redete über Angela Merkel, ordnete sie aber korrekt dem Kanzleramt zu und versucht dem mäßig interessierten Publikum klar zu machen, um wen es sich bei dieser Politikerin handelt. Darum entschied er sich, den Gag zu bringen, der bei den amerikanischen Reisegruppen immer gut ankommt (und mit einem Lachen belohnt wird): „Frau Merkel ist die zweitmächtigste Frau der Welt…nach Oprah Winfrey.“ Niemand lachte. Was vielleicht daran liegen könnte, dass Deutsche es für unseriös halten, wenn Wichtiges auf lockere Weise vermittelt wird, aber in diesem Fall dürfte der Grund eher der gewesen sein, dass Oprah Winfrey für die Generation HJ schlicht kein Begriff ist.Überhaupt gibt es viel zu entdecken, wenn man sonntags rund um Kanzleramt, Tiergarten und Sony Center unterwegs ist. So liegen an sonnigen Tagen untrainierte, und leider praktisch unbekleidete Männerkörper auf der linken Spreeseite herum, in Gesellschaft von Bierflaschen und einem streunenden Hund. Und während es dieser Seite des Flusses an Textilien mangelt, finden sich auf der anderen Seite davon eher zu viele. Auf den Grünflächen in der Nähe von Schloss Bellevue grillen die muslimischen Familien. Trotz Sonnenhitze und Lagefeuer, das Kopftuch bleibt.Auf dem Weg durch den Tiergarten können dann drei Mittvierziger hinter einem her laufen, und einer davon kann sich für einen Komiker halten. Dann erzählt er in brüllender Lautstärke (leider verwechseln viele Deutsche Aggressivität mit Humor und leider sind viele Deutsche sehr humorvoll) seinen Witz. „Da sind wir an einem Plakat vorbeigekommen, auf dem stand: T-Punkt. Ich dann so zur Katharina: Hey, ist dein Telefon auch von T-Komma!“ Daraufhin stimmten die beiden anderen die Art von sympathischem Lachen an, das kleine Kinder für ein Leben zu traumatisieren vermag. Bald bogen die Herren ab, und aus der Ferne schwebte noch herüber: „Wenn sich drei Blondinen…“Kurz darauf wurde der Tiergarten von der Straße des 17. Juni zerschnitten und es ging Richtung weiter. Zwischen Brandenburger Tor und Sony Center hat sich eine neue Sehenswürdigkeit etabliert. So wie in Pisa jeder halbwegs unoriginelle Tourist für`s heimische Fotoalbum den Turm stabilisiert, und in New York die Freiheitsstatue abgelichtet wird, lächeln Berlin-Besucher vor einer Reihe schwarzer Steine in die Kamera, halten den Daumen in die Höhe und sind dabei ausgelassen und fröhlich. Oft klettern sie auf die Steine und springen von einem auf den anderen. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist Anziehungspunkt für die Touristen der Welt. Eine ältere Frau marschiert schnellen Schrittes zwischen den Stelen entlang, ihre Freundin versucht mühsam mitzuhalten, sie nehmen einen Richtungswechsel vor, dann noch einen, dann sind sie wieder draußen. Die Eilige lässt sich vernehmen: „Beeindruckend ist es nicht, aber wenn´s der guten Sache dient.“, dann noch ein Foto, auf einer Stele sitzend, freundlich lächelnd und schon geht es Richtung Alexanderplatz weiter. Was genau sie unter der „guten Sache“ verstand, blieb ihr Geheimnis. Vielleicht dachte sie, dass es hier ein bisschen wie bei Günther Jauch zugeht. Man läuft ein paar Meter über das Gelände und rettet dadurch einen Zentimeter Regenwald oder ein afrikanisches Kind oder irgendetwas in die Richtung. Als die Sonnen langsam unterging, warteten immer noch Menschen darauf, die Reichstagskuppel bewandern zu dürfen und möglicherweise befanden sich unter ihnen auch noch Vater und Sohn, weiterhin davon überzeugt, bald Präsident Merkel im Schlafanzug sehen zu können.

Die 68er langweilen

Ich finde 68 langweilig. Die Art des öffentlichen Streitens um dieses Ereignis herum, erinnert eher an die zankenden Besucher eines Klassentreffens, die sich nicht einigen können, ob der Peter vor langer, langer Zeit auf dem Pausenhof nun der coolste Kerl oder ein schlechtes Vorbild war, weil er als erster rauchte. Da werden Artikel geschrieben und Erwiderung, auf die dann wieder jemand erwidert und in schöner Regelmäßigkeit taucht dann jemand auf, der die ganze 68er-Bewegung für einen Skandal hält, nur damit sofort entgegnet wird, wie falsch diese Darstellung ist, weil doch alles total progressiv war und die Eltern haben doch nicht über die Nazizeit geredet und denkt doch auch mal an die antiautoritäre Erziehung.Lustig dabei ist, dass offenbar keiner der wenigen Beteiligten realisiert, wie egal ihr Streit für alle ist, die nicht zu den Streitenden gehören. Selbst wenn morgen der Bundesgerichtshof entscheiden sollte, dass die 68er nur Schlechtes und Böses (oder Glückseligkeit und Freiheit) brachten, würde sich für niemanden etwas ändern. Im Elfenbeinturm steht ein Wasserglas und in dem stürmt es gewaltig.Wenn man darauf verzichtet, eine „entweder – oder“-Position einzunehmen, lassen sich aber ein paar Dinge feststellen. Was die politischen Ziele angeht, sind die 68er gescheitert. Auf ganzer Linie. Zum Glück. Die Zeit bis zum Scheitern haben sie sich damit vertrieben, jeden ideologisch-sauberen XXL-Massenmörder anzuhimmeln, der gerade griffbereit war. Daneben ist es dieser Bewegung zu verdanken, dass die Prüderie und die Kriminalisierung von Sex und Liebe ein Ende nahmen. Jeder, der mal ein Date hatte, darf sich da heimlich für bedanken. Überhaupt ist die Freiheit, die wir heute haben, auch ein Ergebnis dieser Zeit. Das ist eine tolle Sache, aber doch keine Revolution. Also bitte! Die Zeit war einfach reif und die sinnvollen Ideen kamen eh aus den USA. Made in Germany beschränkte sich doch vor allem darauf, der ganzen Welt den Kommunismus bringen zu wollen, obwohl noch nicht einmal die eigene WG von dessen Segnungen überzeugt war.Es gibt also einiges Positives zu erwähnen, aber na und, das lässt sich auch über andere Generationen sagen. Die 1973er haben z.B. das Internet massenkompatibel gemacht, dadurch eine Wissensrevolution angestoßen und Menschen weltweit verbunden. Auch eine großartige Leistung und ganz ohne Rückgriff auf kommunistische Verbrecher. Die 73er betonen das nur nicht immerzu, vielleicht sind sie einfach bescheidener. Und was bleibt nun von 68?: Ein paar schwarz-weiß Aufnahmen von meinem Vater, wie er als junger Mann auf einem Kongress rumsitzt.

Schlechte Bücher, Zugfahrten und eine Frau, die im Zug schlechte Bücher liest

Sie trägt rote Brille zu roter Perlenkette zu grünem Hemd zu grüner Hose und wenn sich über dieses Outfit überhaupt etwas positives sagen lässt, dann, dass es auffällt. Der Zug hat Wannsee gerade hinter sich gelassen und ich nehme mir vor, herauszufinden, was die disziplinierte Leserin da durchblättert. Eigentlich rechne ich mit Schwergewichten der Weltliteratur, spekuliere, dass die rot-grüne Frau sich mit eiserner Disziplin Tolstoi und Co. antut, um dem Ideal eines nicht existenten Bildungsbürgertums zu entsprechen. Aber als sie endlich einmal den Buchrücken anhebt, kann ich sehen, was sie mit so viel Eifer verschlingt: „Generation Doof.“ So ziemlich das unnötigste Buch des Jahres (noch weit vor Feuchtgebiete). Es geht darin nicht, wie es Mode ist, um die 68er, sondern um die 30er. Um die Jahrgänge plus/minus 1978. Diese Leute sind nämlich alle irgendwie dumm, kein Vergleich zu den schlauen Köpfen früher Generationen. Und genau für diese schlauen Köpfe scheint das Buch auch geschrieben zu sein. Es ist die perfekte Ergänzung zum Spruch: „Früher war alles besser und die heutige Jugend ist eine Katastrophe.“ Die Perlenketten-Frau verlässt am Zoologischen Garten den Zug, und wird nun die jungen Menschen mit geschärftem Sinn beobachten, immer darauf hoffend, die neu gewonnenen Erkenntnisse bestätigt zu bekommen. Nun ja, zumindest ist es ein Hobby. Mich bringt diese Begegnung dazu, hier einen Text noch einmal zu veröffentlichen, den ich vor zwei Monaten geschrieben habe, als die beiden Autoren von „Generation Doof“ in Interviews mit u.a. dem Spiegel ihr Buch bewarben. Und damit schließe ich auf diesem Blog vorerst ab:

Es gab einmal ein Volk der Dichter und Denker, dieses Volk hielt Goethe in Ehren, wusste wann und wo Mozart geboren wurde und spielte nicht nur Klavier und Geige, sondern interessierte sich auch für die Philosophie der alten Griechen. Dieses Volk gibt es nicht mehr, es ist verschwunden, niemand weiß wohin und warum. Zurückgelassen hat es uns nur zwei angenehm arrogante Gestalten, die nun in ihrem Buch Generation Doof ebenso gnadenlos wie unoriginell mit der Dummheit derer abrechnen, die gerade stramm auf die 30 zu gehen. Stefan Bonner und Anne Weiss erklären, dass die Dummen an die Hand genommen werden müssen, und man nicht über sie lachen solle. Immerhin seien ja selbst sie beide nicht ganz frei von Bildungslücken, :Das ist ja süß, da wussten sie nicht wo Bad Pyrmont liegt. Und man bekommt so richtig Lust, mit diesen Spaßkanonen mal einen Abend zu verbringen. Wobei jetzt natürlich die Frage interessant ist, ob man eigentlich erst durch den exzessiven Genuss der Werke von Bastian Apostroph Sick so wird, oder man einfach schon als Langweiler geboren sein muss.Ihre Definition für die Generation Doof liest sich so.Mit anderen Worten: kein Risiko, keine Alleingänge, keine Neugier. Warum es schlecht sein sollte, dass Menschen ehrgeizige Ziele haben, bleibt das Geheimnis der Autoren. Mir ist jedenfalls ein Mensch sympathischer, der das Ziel hat, Superstar zu werden und damit scheitert, als einer, der immer nur werden wollte, was der Vater schon ist. (Wobei DSDS eh ein Extrembeispiel und darum unbrauchbar ist.)Überhaupt scheinen die beiden Kritiker der Generation Doof so ihre Probleme damit zu haben, dass wir heute so viele Freiheiten haben, wie keine Generation zuvor. Sie klingen eher wie die Generation Flakhelfer, wenn sie permanent über die Jugend nörgeln, die so viele Albernheiten macht und darum zu nix richtigem mehr zu gebrauchen sei. Das Leben soll ja nicht zu viel Spaß machen. Kritisch sehen es die Sittenwächter, dass die Generation Doof ihre Dummheit lustig und toll findet. Zumindest was das Betrifft, kann man sie aber beruhigen. Solches findet niemand lustig:Dieter-Evita, da merkt man schon, das ist ein ganz anderes Humorlevel, da kichert es dann nur noch von Friedrich Schiller an aufwärts. Aber das Ganze ist ja eigentlich gar nicht zum Lachen, denn es steht viel zu viel auf dem Spiel. Die stolze deutsche Kultur nämlich, die heute im wesentlichen nur noch von Stefan und Anne hochgehalten wird, die Beethovens Fünfte noch kennen und sich gegenseitig Hölderlin Gedichte vortragen, während um sie herum die Unkultur tobt und alles unter einem Matsch aus Klingeltönen, grässlichen Musiktiteln und Dieter Bohlen begräbt, bis es dann schließlich heißt: Über allen Gipfeln ist Doof.Das wird man sehen, und wenn sich die Pendel-Theorie bestätigen sollte, dürften in den Haushalten Bonner und Weiss wahre Genies heranwachsen. Aber bis dahin bleibt ihnen nur, den Abstieg Deutschlands vom Thron der Kultur zu beweinen, ihre Seelen mit dem ein oder anderen Gedicht Eduard Mörikes zu streicheln und sich darüber zu ärgern, dass es heute Dinge wie Playstation, I-Pod und Internet gibt.

Was macht eigentlich…die Islamisierung?

Kommt sie, verschiebt sie sich oder bleibt sie ganz aus? Um ja keine Spannung aufkommen zu lassen, löse ich sofort: sie wird ausbleiben.

Warum? Drei Gründe:

1.) Die Islamisten und ihre Sympathisanten sind ein Haufen von Idioten, Psychopathen, Frauenfeinden und Judenhassern. Selbst beim Einzigen, worauf sie meinen, sich etwas einbilden zu können – das Töten – sind sie auf fremde Hilfe angewiesen. Gewehre können sie nicht herstellen, Flugzeuge schon gar nicht und die Software, die ihnen ihre Internetauftritte ermöglicht, stammt aus Israel. Kann man tiefer sinken, als auf den Erfindungsreichtum seines Todfeindes angewiesen zu sein. Nichts haben sie zu bieten, keine Vision, nur eine Mischung aus Hass, Selbstbetrug und Größenwahn. Und diese Leute sollen Europa übernehmen? Ich weiß ja nicht…

2.) Europa ist wesentlich stärker als viele annehmen. Natürlich ist es das Privileg der Anhänger dieser Loser-Ideologie Islamismus, dass sie glauben, bald schon Deutschland, Holland und Frankreich übernehmen zu können. Das geht in Ordnung, schließlich glauben sie an so Vieles und irren sich doch in allem. Wie sieht die Realität aus? In keinem EU-Land kam es nur ansatzweise zu einer Situation in der die Islamisten die Macht hätten übernehmen können. Die Terroristen haben keine Stadtteile an sich gerissen, nirgends fahren Jeeps mit Jihadisten umher und auch wenn es so mancher Verteidiger (?) westlicher Werte nicht glauben mag: selbst wenn irgendwo ein Schwimmunterricht nur für Moslems angeboten wird, ist das zuerst einmal ein Schwimmunterricht nur für Moslems. Das kann man kritisieren, das kann man begrüßen und wenn man sich lächerlich machen will, kann man es als erfolgreiche Einführung der Scharia ansehen. So wie Fitnesscenter für Frauen der Beweis dafür sind, dass das Matriarchat durchgesetzt ist.

3.) Nur Rassisten können schon in der bloßen Zahl an Moslems in Europa eine Gefahr für Europa sehen. Was sind das für tolle Verteidiger der offenen Gesellschaft, dieMillionen Menschen das Recht absprechen, Teil einer liberalen Gesellschaft sein zu können? Sowohl Islamisten als auch Rassisten schätzen die Masse der Moslems falsch ein. Es handelt sich bei ihnen nicht vor allem um willenlose Objekte, die nur darauf warten, endlich unter der Scharia leben zu dürfen, sich unterdrücken zu lassen und gesteinigt zu werden. Die meisten Moslems sind für die Ideen, die den Islamisten vorschweben, doch ohnehin verloren. Welches Mädchen, das ein Handy besitzt, will die damit einhergehende Privatsphäre schon gegen das Leben im Range eines besseren Tieres an der Seite eines Irren tauschen (zumal ich bei der oft extrem ordinären Sprache, in der sich junge Berliner Kopftuchträgerinnen unterhalten, eh bezweifle, dass die ‚Gotteskrieger’ mit ihnen etwas anfangen könnten).

Damit will ich nicht behaupten, dass es keine Probleme mit dem Islam in Europa gibt. Da gibt es vieles, sehr vieles zu tun. Aber islamistische Gottesstaaten werden nicht entstehen. Und das ist doch schon mal was.

Sex and the City (schlechte Serie, schlechter Einfluss)

Tabubrüche wurden gefeiert, wenn sich eine in den verblühten Jahren ihres Lebens stehende Frau einen Dildo kaufte und mit diesem dann allerlei Peinlichkeiten erlebte. Während solche aufregend langweiligen Handlungsstränge ausreichten, um Sex and the City über Jahre am Leben oder zumindest im Fernsehprogramm zu halten und einem Großteil der abiturierenden Mädchen so der Respekt für den Sex Ü-40 beigebracht wurde, konnte aber längst nicht alles mit Lob rechnen, was sich damals in TV und Kino mit Sexualität beschäftigte. American Pie beispielsweise galt vielen Eltern als auf Leinwand gebannter Beweis für eine nur noch am Geschlechtsverkehr interessierte, hemmungslose und oberflächliche Jugend. Was etwas verwundert, wo sich doch Sex and the City und American Pie der gleichen Erfolgsformel bedienten, nämlich aus den Zutaten Sex und Liebe skurrile Begebenheiten zu basteln. Wir lernen daraus: Alle Dildos sind gleich, aber manche sind gleicher.Nun ist Sex and the City zwar so originell wie die Lektüre des Telefonbuchs, aber da man sich diese seriale Langeweile nicht antun muss, hält sich der Schaden in Grenzen. Zumindest klingt das in der Theorie so einfach. Doch die Praxis ist eine andere. Dem Sex and the City Fan-Material ist sein stilles TV-Glück leider nicht genug. Der Selbstbetrug, ein aufregendes New York-Leben zu leben oder zumindest irgendwie daran teilzuhaben, will schließlich gepflegt werden. Und Menschen, deren eigene Existenz in langweiligen Bahnen im Sande verläuft, können die drehbuchbedingte Schlagfertigkeit von Schauspielern durchaus für etwas Beeindruckendes halten. Der Notizblock im Kopf schreibt eifrig mit, wenn eine der vier wieder etwas sehr kesses, sehr freches, sehr witziges abgefeuert hat. Das will die Tina auch mal können. Das will sie später mal werden.

Die Serie verschwand vor Jahren vom Bildschirm und die Menschheit wurde großzügig für diese Zumutung entschädigt. Mit Lost, mit 24, mit Six Feet Under, mit den Sopranos. Und selbst Desparate Housewifes erschien im Vergleich noch wie ein Ausbund an Kreativität. Alles schien gut, bis jetzt vor ein paar Tagen ein Sex and the City-Kinofilm anlief. Und kaum waren die vier New Yorkerinnen wieder da, galt das Gleiche auch für ihre Anhängerinnenschaft. Gut, es waren weniger geworden, einige kamen durch den Genuss der erwähnten Serien abhanden, hatten nun höhere Ansprüche. Doch die ewig Treuen jubilierten und probierten nach dem Besuch des Films sogleich ihre geklaute Spontanität, ihre als Selbstbewusstsein, als „die nimmt sich was sie will“-Mentalität missverstandene Aufdringlichkeit und Selbsterniedrigung aus. Sie saßen als Viererbund nach dem Kino im Cafe und es wurde direkt für klare Verhältnisse gesorgt. „Ich bin Samantha!“, schrillte es aus einer Tina heraus und es dauerte nicht lange, ehe sie – Figur verpflichtet – mit Blick auf einen blonden Mann von vielleicht 30 Jahren raunte: „Ob der für eine Nacht gut wär?“

Sie sagte es und ihrer Stimme war dabei anzuhören, wie irritiert sie über das soeben ausgesprochene war. Das ist doch nicht die Tina, die liebe Tina, die sonst dochso zurückhaltend ist. Eher Mauer als Blümchen. Die anderen beteiligten sich ebenfalls an dem Planspiel. Kichern und „wie wir wieder lästern“-Gegacker legten sich über den Tisch. Ihnen allen war die Art von heißerer Unsicherheit eigen, mit der über Themen gesprochen wird, von denen man selber wenig bis gar keine Ahnung hat. Die Kluft zwischen der Überlegung, einen fremden Mann „für eine Nacht“ zu nehmen, weil er dafür „vielleicht gut wäre“ und der angeborenen Verklemmtheit war so groß, dass die armen SexCitylerinnen gar nicht anders konnten, als sich gegenseitig immer weiter hochzuschaukeln. Wenn es vier Ordensschwestern gewesen wären, die Situation hätte nicht surrealer wirken könnne. Und so saßen die vier noch lange zusammen und träumten von einer Welt, in der sie so dynamisch und leichtfüßig durch die Straßen und Betten schweben, wie ihre TV-Idole und warten in einem prenzlauerbergischen Cafe auf Mr.Big oder noch besser: die Ankündigung eines weiteren Sex and the City-Kinofilms.

Dass ihr selbstbetrügerisches Gequassel die anderen Gäste nur nervte und zugleich Mitleid erweckte, registrierten sie dabei gar nicht. Sie waren ganz Samantha, alle vier.

EM 2008 oder: Kauft Fußballanleihen

Nun steht die EM vor der Tür und das Team, bzw. das Land, braucht So steht es zumindest in einer Zeitschrift, . Der Oliver Bierhoff, der irgendwie Trainer der Nationalmannschaft ist, aber irgendwie auch nicht, weil ja das Gegenteil von Charisma bzw. Jogi Löw das Sagen hat, schreibt darin einen Satz, der bemüht nach Musterschüler klingt: Und dafür muss die Heimat mobilisiert werden, weswegen Bierhoff die Pommes essenden Patrioten auffordert: Kauft Fußballanleihen! Da gibt es für jeden etwas. Für 7 Euro lässt sich eine DFB-Geldbörse erwerben, mit Adler und dem freidenkerischen Bekenntnis:

Inspiriert durch das Trikot , kann für 70 Euro ein Stück der guten alten Zeit erstanden werden. Aber die Verschmelzung von Individuum, Kollektiv und Polyester ist erst in Gestalt des DFB-Heimtrikots vollzogen. Für die Frauen gibt es das „Frauensachen“ Set mit der DFB-Fan-Schminke und dem DFB-Shirt „Deutschland.“ Während die Damen auf diese Weise beschäftigt sind, fahren die Herren noch rasch Bier kaufen mit der DFB-Autofahne auf dem Wagen und dem DFB-Shirt „Brüderlich“ auf der Brust (beides im „Männersachen“ Set enthalten). Diverse Schals, Mützen und Schweißbänder können ebenfalls für das große Ziel aufgekauft werden.Und wenn dann , , sollte es eigentlich klappen mit der Fußball-Europaherrschaft. (Vorausgesetzt natürlich, wir schaffen es auch weiterhin, die Schwulen außen vor zu lassen, denn wenn die in unsere männlich-schwitzende Fußball-Domäne eindringen, ist alles aus. .)Ich bin aber trotzdem für Tschechien, nicht weil ich aus Prinzip gegen Deutschland wäre – im Handball drück ich dem Team von Heiner Brand die Daumen -, sondern weil die Deutschen immer noch eher Fußballkämpfer, als Fußballspieler sind. Vielleicht ändert sich das ja irgendwann mal. Aber zu optimistisch sollte man da nicht sein, Deutschland hatte einfach zu lange gepennt, als es um die Errichtung eines Kolonialreichs ging.

Stasi 2.0. und Hitler 08 (Gegen die Relativierung von Wolfgang Schäuble)

Ich hätte mir auch gerne so ein Bild auf das Blog gesetzt, aber ich finde die Gleichsetzung des Innenministers mit der Staatssicherheit nicht so wirklich passend. Ich meine, okay, die Stasi hat Informationen gesammelt und Schäuble will auch Informationen sammeln. Soweit versteh ich das noch. Aber Hitler war Vegetarier und auch mein Nachbar ist Vegetarier, ist er deswegen schon Hitler 08?

Darum nun meine Frage: Verharmlost ein solcher Slogan nicht Wolfgang Schäuble?

 

 

Zu Besuch bei Scientology

Die Deutschlandzentrale von Scientology wirkt wie eine Mischung aus Arztpraxis und der Kulisse eines Science-Fiction-Films. Kaum hatte ich das Gebäude betreten, schwirrte eine freundliche, ältere Frau auf mich zu. „Sie wollen sich etwas umsehen? Am besten zeigen wir ihnen zuerst einen Film.“ Er handelte vom reaktiven Verstand, der uns Menschen kaputt macht. Wegen ihm prügeln Jugendliche aufeinander ein, kommen wir vom rechten Weg ab, überwacht der Verfassungsschutz Scientology.

Zum Glück aber hat der Scientology-Gründer L.Ron Hubbard eine Technik entwickelt, die uns vor den negativen Folgen schützen kann. Und weil seine Technik so revolutionär ist, ging es nach dem zweiminütigen Einspieler direkt weiter in einen kleinen Kinosaal, der wie eine Kapelle aussah. Dort wurde die Langfassung – 30 Minuten – gegeben. Der Film besaß die Ausstrahlung eines Hochglanz-Werbeprospekts. Auf einer Grafik wurden alle Scientology-Center der Welt aufgeführt. Unter anderem soll es auch welche in Saudi-Arabien geben. Das wage ich mal zu bezweifeln…

Nach dem Film wollte ein freundlicher, junger Mann (vielleicht der Sohn der freundlichen, älteren Frau) meine Fragen beantworten. Wir setzten uns hin und in den nächsten Minuten fragte ich kreuz und quer alles Mögliche, was mir gerade so einfiel. Ob es einen Schöpfer gibt (ja, aber der ist nicht so wichtig), ob Mann und Frau gleichberechtigt sind (ja), ob Homosexualität normal ist (nein), ob es theoretisch auch Scientology-Staaten geben könnte, so wie es islamische Staaten gibt (nein), ob es ein Leben nach dem Tod gibt (Wiedergeburt), ob mein Fragen-Beantworter schon mal gelebt hat (ja, er hat Erinnerungen an mehrere frühere Leben), ob ich auch als Tier zurück kommen kann (ja, wenn ich will) und ob es dann moralisch nicht heikel ist, Tiere zu töten, wenn doch jedes Schwein und jedes Huhn mein Großvater sein könnte, der sich mal ein Leben in dieser Gestalt gönnen wollte (keine Antwort).

An diesem Punkt des Besuchs – es war Tag der offenen Tür – schien schon recht klar, was das intellektuelle Fundament dieser Kirche ist: Das Halbwissen eines abgebrochenen Psychologiestudiums, etwas Buddhismus für Anfänger, Esoterik und gemeinsam-sind-wir-stark-Kitsch. Und dann folgte der legendäre Fragebogen! Von dem hatte ich schon als Grundschüler gehört. Gehirnwäsche und Zwang waren die beiden Worte, die mir sofort dazu einfielen. Weil es die beiden Worte waren, die alle Lehrer, Erzieher und Pädagogen ständig benutzten, wenn sie uns vor den Scientologen warnen wollten (war das damals Gehirnwäsche?)

Am Ende stellte sich das Ganze aber eher als Fleißarbeit heraus. 200 Fragen wollten gelesen und beantwortet werden. Unter anderem sprach ich mich gegen die Rassentrennung aus (Frage 129). Dann folgte die Auswertung. Sorgenvoll blickte die freundliche, ältere Scientologin auf das Papier, auf dem verschiedenen Skalen zu sehen waren. Und schon prasselte ihre Auswertung auf mich nieder.

„Ihre Werte sind in vielen Bereichen im unakzeptierbaren Zustand.“

„Sie fühlen sich unwohl, weil sie kein festes Ziel haben.“

„Sie sind nervös, macht ihnen das im Alltag sehr zu schaffen?“

Jedes Mal widersprach ich ihrer Auffassung und als ich schließlich meinte, dass ich recht zufrieden bin und auch eher positiv – und nicht verängstigt, wie es das Testergebnis nahelegte – in die Zukunft blicke, kapitulierte sie.

„Schön, dann wünsche ich ihnen, dass das auch so bleibt!“

Ehe ich das Gebäude verließ, wollte ich dann aber auch noch das E-Meter ausprobieren. In beide Hände wurden leichte Stäbe gelegt, von denen Verkabelungen in ein bizarres Gerät führten, an dessen Außenseite eine Nadel angebracht war, die je nach meiner Reaktion nach links oder rechts ausschlug. Es sah wie ein ausgemusterter Geigerzähler aus. „Denken sie an eine Person, mit der sie einen schlimmen Streit haben.“ Ich dachte nach und die Nadel schlug aus. Aufgeregt wollte die Frau wissen „an wen denken sie, das ist ja außergewöhnlich.“ Gerne hätte ich ihr Namen geliefert, doch ich konnte nicht. „An niemanden, mir fällt niemand ein.“ Kurz darauf endete diese Vorführung dann auch schon wieder und so ganz überzeugt bin ich vom E-Meter noch nicht. „Das E-Meter kann Gedanken sichtbar machen“, flüsterte mir die freundliche, ältere Frau noch effekthaschend zu. Naja. Danach ging ich nachhause.

Niemand wollte mir Infomaterial aufzwingen, Bücher verkaufen oder mich zu Sitzungen einladen. Sehr negativ ins Gewicht gefallen ist aber die scientologische Ablehnung der Schulmedizin und Psychologie. Tabletten dürfen nur im absoluten Notfall genommen werden, Antidepressiva nie. Warum ihnen in Deutschland eigentlich so misstraut wird, wollte ich noch wissen. „Weil die Pharmazie-Lobby uns fürchtet.“ Ach so ist das.

Die Schöpfungsgeschichte von Scientology kann hier bestaunt werden und hier ein ins Deutsche übersetztes Tom Cruise Interview.

Nachgetreten (EM, ZDF und schlechte Unterhaltung)

Wer sich jemals darüber geärgert hat, dass Deutschen ein legendär schlechter Humor nachgesagt wird, sollte dabei nicht vergessen, dass Lück, dass Cantz und dass Krüger eben keine Erfindung des feindlichen Auslands sind, sondern wirklich leben und wirklich Witze machen beziehungsweise das, was sie dafür halten. Und zwar auch im ZDF, bezahlt durch GEZ-Gebühren. Jedes Land hat eben die Komiker, die es verdient. Und offizieller kann es kaum werden, als wenn das ZDF ruft: Ihr seid unsere Humorelite.Darum sitzen sie jetzt also in ihrem Studio, basteln zum Thema Schweden aus den Begriffen ‚Elch‘ und ‚IKEA‘ dutzende Sprüche zusammen, die so subtil sind, dass sie sogar der letzte Depp noch kapiert und laut beklatscht, feuern ihre immer gleichen Gemeinheiten ab und halten sich für besonders hintersinnig, wenn sie beim Thema Polen sogar die Kurve zum Autodiebstahl bekommen (die bekommen sie immer.) Ebenfalls wichtig: sexuelle Anspielungen, außerdem was mit saufen und wenn es um Holland geht die Wohnwagen nicht vergessen. Aber die vergisst der Ingolf nicht, der ist ja Profi. Und irgendein andere dieser Spaßzombies grunzt dann los: „Italien hat ja verloren…schade.“ Allgemeines kichern setzt ein und der Klischeebeschleuniger Cantz spuckt die Worte ‚Mafia‘ und ‚Spaghetti‘ aus und formt sie zu einem einfachen Hauptsatz. Das reicht: lachen. Und so weiter, bis endlich der Abspann läuft.Ansonsten ist die EM bislang aber spannend. Portugal und Spanien spielen den schönsten Fußball, Deutschland hat sich auch ganz gut geschlagen und hier in Berlin fahren neben den monobeflackten Autos auch einige in der Kombination Deutschland-Türkei umher. So wie eh viele türkische Läden diese Fahnenkombination im Fenster hängen haben. Und jetzt geht gleich die zweite Halbzeit zwischen Tschechien und Portugal weiter, gut möglich, dass eine der beiden Mannschaft am Ende auch den Pokal gewinnen wird.