Prenzlauer Berg, Multikulti ohne Sendungsbewusstsein

 

Es ist ein seltsames Phänomen, warum der Prenzlauer Berg so gerne als Gegenbespiel zum weltoffenen Kreuzberg oder Neukölln herangezogen wird. Während in diesen beiden Stadtteilen überall edle Seelen entdeckt werden, die vermeintlich all das auszeichnet, was den biederen Deutschen abgeht, ist der Prenzlauer Berg die spießige Antithese dazu. Bewohnt von Schwaben, die dort ihre Schwabenkinder in die Welt setzen, damit noch mehr Schwaben dort leben. Ein Stück deutsche Provinz in der bunten Großstadtwelt.

Ich wohne seit 2009 in Prenzlauer Berg und diese müden Yoga-und-Schwaben-Sprüche gab es schon damals und wird es weiter geben. Sie sind langweilig, mehr nicht und weniger auch nicht. Nichts, was einen Großstädter irritieren könnte. Aber erstaunlich ist es schon, warum der Prenzlauer Berg überhaupt so einen Ruf hat. Schließlich leben hier Menschen aus der ganzen Welt, in mein Haus sind gerade zwei vietnamesische Familien gezogen. Womit hier nun Finnen, Franzosen, Amerikaner und Deutsche wohnen. Wer am Abend zwischen Prenzlauer Allee und Schönhauser Allee unterwegs ist, hört an jeder Ecke Gespräche auf Englisch und Spanisch. In meiner Nachbarschaft steht seit Jahren eine jüdische Menora im Fenster, ohne dass deswegen Scheiben zu Bruch gehen oder antisemitische Schmierereien im Flur hinterlassen werden. Homosexuelle schätzen den Prenzlauer Berg, weil sie hier Hand in Hand spazieren gehen können, ohne dafür angegriffen zu werden. Nazis und Fremdenfeinde haben hier keinen Halt. Es ist ein friedlicher Kiez, in dem Menschen vieler Nationalitäten leben.

Eigentlich könnte er als gelungenes Beispiel dafür gelten, wie das Zusammenleben aussehen sollte. Aber so wird er nicht wahrgenommen. Stattdessen werden Kreuzberg und Neukölln als besonders gelungene Multikultiviertel gefeiert. Erstaunlich daran ist aber vor allem, dass diese Feierstimmung oft von abfälligen Bemerkungen in Richtung Prenzlauer Berg begleitet werden. Meine Vermutung: Die beiden bieten einfach die bessere Show für den Wunsch nach authentischer Fremdheit. Kopftücher sind ein Schlüsselreiz. Dagegen kommt nichts an. Viele Multikultifans sind ja eigentlich in Wahrheit Multioptikfans und wollen ihre Fremden sofort erkennen können, um sie in ihrer Fremdheit willkommen zu heißen. Sie wollen sich selbst beweisen, was sie für weltoffene Menschen sind. Aber wie soll das gehen, wenn der Fremde so weiß ist wie man selbst? Solche Fremden sind langweilig, weil sie nicht fremd genug aussehen. Nein, der Fremde muss im Idealfall dunkle Augen, schwarzes Haar und einen Gemüse- oder Dönerladen haben. Das volle Programm halt.

Die großstädtische Toleranz, die von Multioptikfans so gerne beschworen wird, ist ausgerechnet in ihren Lieblingsmilieus geringer ausgeprägt als es in Metropolen üblich ist. In türkisch und arabisch geprägten Vierteln haben sich jedenfalls erstaunlich reaktionäre Rollenbilder für Mann und Frau gehalten. Auch mit sexuellen Minderheiten und emanzipierten Frauen tut man sich schwer.

Mit all dem kann Prenzlauer Berg nicht dienen, außerdem ist die Kopftuchquote hier sehr gering, was der Multioptiker diesem Viertel wohl am meisten verübelt. Stattdessen werden hier auf ganz langweilige Art einfach nur verschiedenste Lebensentwürfe akzeptiert. Was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, ist speziell in den Liebhaberstadtteilen der Multioptikfans nicht der Fall. Wer das bestreitet, sollte sich z.B. mal mit der Situation von homosexuellen Türken und Arabern aus diesen Vierteln beschäftigen. Die haben eine andere Sicht auf ihr Umfeld als die Multioptikfans. In diesem homophoben Umfeld sichtbar Homosexuell zu sein, ist schlicht und einfach (lebens-) gefährlich. Das ist es in Prenzlauer Berg nicht. Hier ist es den Leuten schlicht gleichgültig, wer mit wem zusammenlebt. Gleichgültigkeit ist ohnehin eine bedeutende zivilisatorischer Errungenschaft und der notwendige Schlüssel zum entspannten Nebeneinander verschiedener Lebensstile.

Soweit meine Verteidigung des Prenzlauer Berg. Aber damit ich nicht falsch verstanden werde: Das soll kein Plädoyer dafür sein, die ritualisierten Verballattacken gegen die Schwaben vom Prenzlauer Berg zu unterlassen. Wem die wichtig sind, seien sie gegönnt.

Gideon Böss ist Schriftsteller. Sein aktueller Roman heißt Die Nachhaltigen

Dirndl-Fantasien und Sexismus

Schon mehrfach habe ich an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass ich Gender-Experte bin. Im Verlaufe meines Studiums musste ich dazu diverse Seminare und Kurse an zwei Unis belegen. Deswegen weiß ich auch: Es gibt keine Unterschied zwischen Männern und Frauen, aber Frauen sind die besseren Menschen (was jedoch keine Wertung über das dritte Geschlecht sein soll!) Mir wurde in dieser Sache ein akademischer Titel verliehen. Ich bin Experte!

Deswegen interessiert es mich natürlich, wie das Tresen-Gespräch von Rainer Brüderle mit einer Journalistin in den Medien bewertet wird. Und weil es irgendwie nicht so viel hergibt, wenn ein älterer Herr mit Weinköniginnenhintergrund einer Frau anzügliche Komplimente macht, muss Brüderles Dirndl-Fantasie nun zumindest exemplarisch für die Frauenverachtung stehen, die in Politik und Gesellschaft vorherrscht. Beispielhaft dafür steht der Artikel von Patricia Dreyer auf Spiegel Online, der mit „Stopp!“ überschrieben ist und eine dramatische Zustandsbeschreibung Deutschlands liefert. Einem Land, in dem sie schon einmal für eine Sekretärin gehalten wurde, obwohl sie doch Chefin vom Dienst bei Spiegel Online ist, einem Land, in dem Frauen auf Partys Komplimente für ihre Kleidung bekommen und Peer Steinbrück der Kanzlerin einen „Frauenbonus“ unterstellt. Stopp!

Gut, man könnte der Meinung sein, dass das alles keine so beeindruckenden Argumente sind, aber damit würde man diesem Artikel nicht gerecht werden. Er macht nämlich wirklich auf einen Skandal aufmerksam, wenn auch ungewollt durch das, was er ausspart. Dreyer fordert: „Bei allen politisch-gesellschaftlichen Debatten, die in Deutschland über Frauen geführt wurden – ob Gleichberechtigung, Abtreibung, Herdprämie, Frauenquote – eine fehlte bisher: die große Debatte um alltäglichen Sexismus. Beginnen wir sie endlich.“

Fällt es jemandem auf? Würde man nicht erwarten, dass in einem solchen Plädoyer gegen die Unterdrückung der Frauen auch irgendwo die Worte Zwangsverheiratung, und Importbraut fallen? Warum erwähnt Beyer nicht, dass es muslimische Milieus in Deutschland gibt, in denen Frauen praktisch Menschen zweiter Klasse sind, wenn überhaupt. Weiß sie das nicht, interessiert sie sich nicht für das Schicksal dieser Frauen? Schade, dabei gibt es viele Frauen, die heute mehr denn je auf Hilfe und Unterstützung angewiesen wären. Und das nicht, weil sie manchmal für eine Sekretärin gehalten werden, obwohl sie doch eigentlich Chefin vom Dienst bei Spiegel Online sind.

Aber der Feminismus in Deutschland kann sich nun einmal nicht um alle Frauen zugleich kümmern. Da müssen Prioritäten gesetzt werden und das werden sie ja auch.

Gideon Böss twittert unter twitter.com/GideonBoess

Westermann und eine absolut unseriöse Darstellung

Am 22. September habe ich in der Welt einen Artikel darüber veröffentlicht, wie in den deutschen Schulbüchern der Nahostkonflikt dargestellt wird. Was die drei großen Verlage in ihren Publikationen stehen haben, ist eine Mischung aus Fehlern und Verdrehungen, aufgelockert hin und wieder durch Passagen, die ganz vernünftig sind (hier kann man den Artikel lesen). Dennoch scheinen sie von Selbstkritik nicht sonderlich viel zu halten. Jedenfalls habe ich bisher den Eindruck, dass die Reaktionen eine Mischung aus Trotz und Beleidigtsein sind. So erreichte mich aus dem Hause Schroedel eine E-Mail, die mit folgender Feststellung schloss: Ganz offensichtlich ging es Ihnen jedoch lediglich darum, Ihre vorgefasste Meinung zu verbreiten. Sollten Sie jemals weitere Anfragen an den Schroedel Verlag haben,  so stehe ich zu ihrer Beantwortung jedenfalls nicht mehr zur Verfügung. Noch etwas weiter geht Westermann. Wer dort nachfragt, erhält diese Antwort: Es handelt sich bei dem Artikel vom 22.09.11 um eine absolut unseriöse Darstellung, die geradezu ärgerlich und für eine Tageszeitung wie die WELT unangemessen  ist. Das sind harte Vorwürfe und ich denke, man sollte aufklären, ob sie berechtigt sind. Darum habe ich folgende E-Mail an Westermann geschrieben. Da man sich in diesem Verlag seiner Sache so sicher ist, gehe ich davon aus, dass auf meinen Vorschlag eingegangen wird. Mal sehen:

 

Sehr geehrter Herr Meyer, 

mir wurde die Antwort zugesendet, die Sie erstaunten Leser zukommen lassen, die sich über das Niveau von „Horizonte 12“ (Kapitel Nahostkonflikt) wundern. Sie schreiben unter anderem: „Es handelt sich bei dem Artikel vom 22.09.11 um eine absolut unseriöse Darstellung, die geradezu ärgerlich und für eine Tageszeitung wie die WELT unangemessen  ist.“

Sind Sie einverstanden, dass ich Ihnen eine Liste sende, auf der ich alle Fehler, Irreführungen und fragwürdige Auslassungen eintrage, die sich in Horizonte 12 befinden? Es würde mich dann natürlich interessieren, wie Sie die diversen Fehler (von denen Behauptungen wie die, dass der UN-Teilungsplan einen jüdischen und einen palästinensischen Staat vorsah, noch zu den harmlosesten gehört. Es ging in Wahrheit um einen jüdische und einen arabischen Staat) entschuldigen werden. Gerne können Sie sich dabei dann auch von Dr. Ulrich Baumgärtner unterstützen lassen, der ja auch keinerlei Fehler in Horizonte 12 erkennen kann. 

Wollen wir das so machen? 

Mit freundlichen Grüßen

Gideon Böss

Die Bild ist die wichtigste Zeitung Deutschlands, denn sie ist die einzige, die Identität stiftet. Nicht bei ihren Lesern, sondern bei denen, die sie nicht lesen, weil sie Bild-Gegner sind. Gut, streng genommen lesen auch viele Bild-Gegner die Bild oder lassen sich zumindest von anderen Bild-Gegnern, die die Bild täglich kritischen lesen, haarklein erzählen, was für Schweinereien in der aktuellen Ausgabe schon wieder drinnen standen.
 
Auf jeden Fall ist die Bild wichtig, um sich in einer Welt, in der sich schwarz und weiß immer mehr angleichen, zu wissen, wo man steht. Denn der durchschnittliche Linke hat nicht mehr viel, woran er glauben kann und wofür er ist. Die Frauenrechte hat er dem Respekt vor dem Islam geopfert, die Menschenrechte dem Völkerrecht und die Legalisierung der Drogen dem Rauchverbot in Kneipen. Bleibt eigentlich nur noch das Feindbild Bild, um zu zeigen, dass man zu den Guten gehört.
 Aktuell demonstriert das die Band „Wir sind Helden“, die mit beeindruckender Phrasenlyrik bekannt wurde und bis heute für irgendwie auch voll politisch und gesellschaftskritisch und so gehalten wird. Die hat jetzt eine Anfrage abgelehnt, an einer Werbekampagne der Bild teilzunehmen. Aus irgendeinem Grund war es den Phrasenhelden aber wichtig, dass möglichst alle die Begründung der Absage lesen könne. Offenbar ist die Band ziemlich stolz auf sie.  Der Brief ist vor allem eine Ansammlung von Beleidigungen und Verschwörungstheorien, die in folgender Wahnvorstellung gipfeln: „Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument — nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.“ Band-Sängerin Judith Holofernes, die den Brief verfasst hat, beschimpft darin die Bild-Leser als saudumm und ist überhaupt entsetzt über die Dummheit der Leute, die alle nicht sehen, was sie sieht. Im Grunde ist sie ein ganz gewöhnlicher Spießer, zwar ausgestattet mit dem Anspruch, alternativ und ironisch zu sein, aber das ist nur im ersten Moment irritierend. Niemand hat schließlich je behauptet, dass Spießer nicht mit der Zeit gehen würden. Holofernes wettert von oben herab mit viel Emotion und wirkt dabei so subversiv und querdenkerisch wie die Oma, die sich über den allgemeinen Sittenverfall beklagt. Saudumme Jugend, saudumme Bild-Leser. Nur die Holoferes (und alle, die ihr zustimmen) ist sauklug. Zum Glück.   Offenbar gibt es nur noch eine einzige linke Gewissheit: Die Bild ist gefährlich.

Tempelhof den Flugzeugen

Am Rande bekam ich also mit, dass Tempelhof den Betrieb einstellen soll, damit das ambitionierte Provinzflughafen-Projekt Airport Berlin-Brandenburg einen Konkurrenten weniger fürchten muss. Außerdem seien Landungen in der Stadt zu gefährlich und die Luftbrücke zwar ein starkes Symbol, aber ja auch schon etwas her. Für mich stand also fest, an der Volksabstimmung nicht teilzunehmen. Jetzt werde ich aber doch für den Erhalt stimmen. Grund ist die Sozialneid-Kampagne, mit der SPD, Linke und Grüne für ihre Position werben. Die Stadt ist zugeklebt mit alten Damen, die „Ick fliege uff Berlin. Aba nich von Tempelhof“ berlinern und jungen Frauen, die mit ernstem Gesicht verkünden „Flughafen für Superreiche? Wir lassen uns nicht auf den Arm nehmen.“ Dabei halten sie ein Kind, von dem wir die Erde nur geborgt haben, auf dem Arm. Nachdem auf diese Weise also die Rentner und die (alleinerziehenden?) Mütter versorgt sind, proletet sich die Kampagne auch noch an den kleinen Mann, den ehrlichen Arbeiter, ran. Ein Blaumann lässt wissen: „Ick zahl doch nich für’n Vip-Flughafen.“ Die Kampagne hofft, Neidinstinkte zu wecken. Die Formel dabei ist einfach: Reiche Menschen sind Verbrecher, weil Reichtum ein Verbrechen ist. Wie schäbig. Ich werde darum zur Abstimmung gehen und ein Kreuz gegen die Neidkultur der GRÜNENLINKENSPD machen. Interessant an diesem Volksbegehren ist auch, dass ausgerechnet die Parteien, die ansonsten bei jeder Gelegenheit ungefragt „Volkes Stimme“ für sich reklamieren, nun gegen die Mehrheit der Berliner stehen, während die gerne als abgehoben verschrieene FDP ausnahmsweise mal keine Minderheitenposition vertreten muss. Wobei dennoch die Frage bleibt, für was Tempelhof eigentlich betrieben wird? Vor einer Woche habe ich den Flughafen erstmals besucht und fand dort genau die Ruhe und Einsamkeit vor, die man in einer Großstadt so oft vermisst (es gibt Museen, in denen es lauter zugeht). Zeitgleich veranstaltete dort die vierzehnjährige GrüneJugend eine machtvolle Demonstration für die Schließung. Sie spielte dabei Fußball und baute ein Zelt auf. Das persönliche Risiko der Teilnehmer blieb dabei überschaubar, denn die Flieger in die Karibik starten ja nicht von Tempelhof aus. Die Sommerferien auf den Bahamas waren also zu keinem Zeitpunkt gefährdet. PS: Am meisten überraschte mich aber, dass beinahe alle Flugverbindungen aus Reisen nach Brüssel oder Mannheim bestanden. Ich wusste nicht, dass es in Berlin eine so starke Mannheim-Lobby gibt.

Al-Qaida, Russlandexperten und ich

Etwa sonntags in der S-Bahn zwischen den Bahnhöfen Berlin Hauptbahnhof und Zoologischer Garten (voneinander nur durch Bellevue und Tiergarten getrennt). Es folgt eine Zusammenfassung der Ereignisse:Die Initiative ging von einer neugierigen Russlanddeutschen aus, die in gebrochenem Deutsch einen jungen Mann mit Herrenkopftuch ansprach: „Woher kommst du?“ Keine Reaktion. Die Frau wiederholte ihre Frage, und deutete dabei auf die Kopfbedeckung. Verunsichert blickte der Angesprochene aus dem Fenster. Doch schon saß die Dame neben ihm. „Woher kommst du?“ Diesmal tippte sie direkt auf das Tuch und endlich erhielt sie, was sie wollte: „Jemen.“Die Dame dachte kurz nach: „Gibt es da viel zu sehen?“ Das Auftauchen eines Fahrkartenkontrolleurs beendete die aufgezwungene Nähe zwischen den Beiden. Auf der Suche nach dem Ticket, musste die Frau zu ihrem Platz zurück und blieb dann auch dort sitzen. Offensichtlich erleichtert darüber, taute ihr Gesprächspartner langsam auf. Ja, ja, der Jemen, was kann man über den Jemen sagen? Gerade wollte er aus der fernen Heimat berichten, als unerwartet jemand anderes das Wort ergriff: Mitte dreißig, kurzgeschorenes Haar, laute Stimme. „Das ist ein armes Land. Da gibt es Wüste und Al-Qaida.“ Schweigen folgte auf diesen erschöpfenden Länderkundeunterricht in 11 Worten.“Sie waren schon mal da?“, versuchte der Jemenit (zur Hälfte Sand, zur Hälfte Terrorist) Fassung wahrend den Experten zu bremsen. „Nein!“, kam es so selbstsicher vom Berliner zurück, als habe er gerade erklärt: „Ja, ich habe den Lehrstuhl für Jemenkunde inne, und bereise das Land regelmäßig.“ Wieder durchlief das Gespräch eine Phase des Schweigens, ehe der Experte – der am Waggonende saß und von da aus wie ein Richter über die links und rechts vor ihm Platzierten verfügen konnte, durch eine Sitzreihe von ihnen getrennt – sich der Russlanddeutschen zu wandte. „Putin ist ein Guter!“, stellte er beinahe brüllend klar. „Bitte?“, „Putin! Putin ist ein Guter! Der ist gut, der hätte noch mal sechs Jahre weitermachen sollen.“ „Besser als in der Sowjetunion“, kam es als Reaktion. Aber auf solche Zustimmung war der Berliner längst nicht mehr angewiesen. Er, der gerade elegant vom Jemen-Experten zum Russland-Kenner mutierte, befand sich schon mitten in seinem Referat. Die einzige Sicherheit, die er brauchte, bestand darin, dass ihm niemand entkommen konnte. Und die war, dank fahrende S-Bahn, gegeben.“Ein Land der Extreme“, ließ er wissen und seine Stimme nahm einen weihevollen Ton an. Aus einem nur ihm ersichtlichen Grund, sprach er jetzt sehr laut und sehr langsam. „Es gibt da einige extrem Reiche und viele viele Arme.“, „Ja, es ist besser als früher. Es ist besser.“, „Aber das Putin weg ist, das ist bedauerlich. Besser als Merkel, viel besser als unsere dumme Merkel.“ Keine Antwort, die Dame schaute aus dem Fenster. Der Kopftuchträger ergriff nun zögerlich die Initiative und Partei für sein Land. „In meiner Heimat gibt es schöne Landschaften.“, begann er, doch sein schüchternes Lächeln und die leise Stimme halfen in der Situation nichts. Hier zählten Aggressivität und Lautstärke. Und die besaß nur der Berliner Weltenerklärer. „Terrorismus!“, knallte er ihm ins Gesicht. „Nun ja, wenn sie nur das sehen wollen.“, lächelte es zaghaft-verzweifelt zurück. Die Russlanddeutsche nuschelte etwas in die Runde, was niemand verstand und was sie dann mit, „Ach so, nee, Jemen liegt ja gar nicht in Südamerika.“, selbst zu den Akten legte. „Jemen liegt auf der arabischen Halbinsel“, informierte es brüllend vom Waggonende.Mittlerweile hatte die S-Bahn den Tiergarten hinter sich gelassen und würde in einer Minute im Zoologischen Garten eintreffen. Der Berliner setzte zum Schlussmonolog an: „Im Jemen sitzt Al-Qaida!“ Erneut erntete er dafür nur das altbekannte Lächeln, doch dann schlug er unerwartet versöhnliche Töne an. „Ja, das ist Fakt! Aber weißt du was? Ich habe da eine ganz andere Meinung. Nicht wie die Medien. Die Amerikaner haben Al-Qaida ja erst aufgebaut, weil sie die gegen die Russen in Afghanistan kämpfen lassen wollten. Dann haben die sich gegen sie gewandt und heute müssen die Deutschen den Kopf dafür hinhalten.“Da nickte der Jemenit zustimmend. Und die Russlanddeutsche betätigte sich als Hellseherin: „Du wirst im Jemen sehr reich sein.“, „Ich weiß es nicht.“, „Doch, hier bist du nicht reich, aber der Jemen ist ein armes Land, da wirst du dann reich sein.“ Die Berliner Drohstimme wiederholte: „Ein sehr armes Land!“ Die S-Bahn hielt an, die Türen öffneten sich und die drei stiegen aus. Der Jemenit wollte den Berliner in seine Heimat einladen („Ich zahl alles!“), doch der lachte nur und klopfte dem kleinen Kopftuchmann jovial auf die Schulter. „Danke, danke, aber ich mach dann lieber Urlaub in Russland.“ Kann sein, dass er hoffte, ein ebensolches Angebot von der Russlanddeutschen zu bekommen, aber die hatte sich schon grußlos in der Menschenmenge unsichtbar gemacht.

Baumblüten und weisse Macht

Völlig selbstverständlich zieht die Jugend „Anti-Antifa“-T-Shirts an, die sie von ihren Eltern vermacht bekommt, die längst auf den Pullover „Weisse Macht“ umgestiegen sind. Wenn ein Kreuz um den Hals baumelt, ist es eher das Eiserne, als das christliche und wer es weniger ausgefallen mag, flaniert eben nur in Thor Steinar-Klamotten zwischen Pommesbuden und Riesenrad umher. Regelmäßig sind szenetypische Runen und Zahlen-, oder Buchstabenkombinationen zu sehen. Dabei fallen ihre Träger keineswegs durch Aggressivität auf, im Gegenteil, sie haben ein Heimspiel und ihre deutsche Leitkultur. Rechtsradikal zu sein, ist Mainstream. Nicht der Rede wert. Polizisten und Vierte Reichs-Deutsche kommen gut miteinander aus. Keine Provokationen, keine Wortgefechte, nicht einmal feige Gesten im Rücken der Beamten.Natürlich sucht man Parolen wie „Nazis raus“ hier vergeblich. Wer wirft schon seine eigenen Kinder raus? Zumal, wenn sie doch die richtige politische Einstellung, die richtige Gesinnung haben? Ansonsten lässt sich zum Baumblütenfest sagen: die Fahrgeschäfte fielen durch hohe Preise auf, die Waffeln schmeckten nicht, die Abendstunden an der Harvel sind sehenswert und die Rückfahrt war stressig. Alles in allem nichts besonderes, zumindest wenn es einen nicht stört, dass eine halbe Stunde von Berlin entfernt das Sympathisieren mit dem Nationalsozialismus „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen ist; wenn nicht gar die Mitte der Gesellschaft auszeichnet.

Sozialismus mit menschlichem Antlitz

Es ist für einen Teenager einfach spannend, wenn da ein junger Mann mit seinem Motorrad durch Südamerika fährt und allerlei Abenteuer erlebt; Karl Popper kann da nicht mithalten. Aber die Che-Zeit dauert meist nicht lange. Entweder man wendet sich von selbst ab, wenn man erstmals von den Hinrichtungen hört, die der Comandante nach der erfolgreichen Revolution auf Kuba durchführen ließ (wobei so manchen die Tatsache, schwul zu sein, das Leben kostete), oder die erste Freundin wirft den ganzen Kuba-Plunder einfach weg.Wer aber weit über seine Teeanger-Zeit hinaus noch immer diesen Psychopathen auf der Brust trägt, muss dafür doch andere Gründe haben. Nur, welche vernünftigen kann es dafür geben, sich als Sozialist/Kommunist zeigen zu wollen? Die Geschichte hat es doch grausam bewiesen: Falsch dosiert führt Sozialismus leicht zu Massenmord (kann die EU diesen Warnhinweis vielleicht auf die Plakate von LINKE und Co. setzen lassen, dann ist die Zigarettenindustrie nicht mehr so alleine). Es gab niemals sozialistische Staaten, die nicht zu Völkergefängnissen und Unterdrückungsapparten mutierten. Von daher ist es schwer verständlich, was jemanden dazu bringen kann, für Che Guevara zu werben, also für Diktatur und Terror und gegen die Menschenrechte und liberale Demokratie.Ja, darüber habe ich nachgedacht, während ich bei der Post hinter diesem seit vielen Legislaturperioden wahlberechtigten Che-Mann in der Schlange stand. Und zu einem befriedigenden Ergebnis bin ich noch immer nicht gekommen. Gut, ich weiß schon, dass für sozialistische/kommunistische Projekte das Motto gilt: „Sorry für die Leichenberge, beim nächsten Mal ist es dann aber wirklich der richtige Sozialismus/Kommunismus, versprochen“, aber diese Ausrede will ich jetzt nicht gelten lassen…Vielleicht ist es bei manchen jedoch auch in späteren Jahren schlicht die Faszination für lange Motorradreisen durch Südamerika, die sie an Che binden, und nicht seine menschenverachtenden Ziele.

60 Jahre Israel, 12 Jahre ICQ

Denn all diese „kritischen Freunde“ sind so sehr damit beschäftigt, Israel vor Fehlern zu bewahren, dass sie vor lauter Mahnen nicht dazu kommen, auch einmal ein gutes Wort zu verlieren. Keiner von diesen Leuten hat je gefordert, „dass es möglich sein muss, Israel auch zu loben.“ Stattdessen kritisieren sie diesen Staat unaufhörlich und kritisieren gleichzeitig, dass Kritik nicht möglich sei.Nun gut, für diesen Moment können wir diese komischen „gerade als Freund sage ich dir“-Freunde aber getrost vergessen, denn die sind ja eh nicht auf die Party eingeladen. Im Gegensatz zu denen verspüre ich auch nicht das Bedürfnis, mich für die Unterstützung Israels rechtfertigen zu müssen. Israel ist Teil der freien Welt und es ist darum eine Selbstverständlichkeit, an der Seite dieses Landes zu stehen. Außerdem reicht ein Blick auf die Feinde, denen sich Israel gegenübersieht, um zu begreifen, dass diese Positionierung aus Mangel an Alternativen auch gar nicht zu vermeiden ist. Denn wer kann schon die Hamas, Hisbollah, das iranische Regime und all die anderen antisemitischen Mörderbanden verteidigen, und für sich danach weiterhin in Anspruch nehmen, irgendetwas für die Menschenrechte übrig zu haben?Wem ich die Teilnahme an der Geburtstagsfeier unbedingt noch nahelegen will, ist- den Computer-, und Internetfreaks, deren Szene es so heute gar nicht geben würde, ohne ICQ, Firewall, Voicemail und all den anderen Entwicklungen israelischer Softwareexperten.- denen, die was für erneuerbare Energien übrig haben, weil Israel in diesem Bereich massiv investiert und forscht.- allen, die Multikulti klasse finden, denn mit der Vielfalt an Sprachen, Kulturen und Hautfarben, die es in Israel gibt, kommen nicht einmal Städte wie New York mit.