Böhmermann, Erdogan und die Sache mit den Schafen

Der größte Verlierer im Duell Erdogan vs. Böhmermann steht schon lange fest: Extra 3. Schließlich hat der Nischengigant den Norddeutschen das Thema Erdogan einfach weggekapert. Alles ging nämlich mal damit los, dass Extra3 ein satirisches Lied auf Herrn E. ausstrahlte. Und weil der in Ankara keine Folge Extra 3 verpasst, tobte er danach und beschuldigte die deutsche Regierung, Stimmung gegen ihn zu machen (wobei er offenbar davon ausging, dass die deutsche Regierung den öffentlich-rechtliche Rundfunk so steuern kann wie die türkische den Moscheeverband DITIB) und schließlich klagte er gegen das Spottlied. Und an der Stelle kommt Böhmermann ins Spiel und stiehl Extra 3 die große Bühne, indem er mit seinem Gedicht alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Heute nun hat ein Gericht entschieden, dass Teile seines Werkes weiterhin verboten bleiben müssen, weil sie die Gefühle von Erdogan verletzen. Eigentlich sollte man meinen, dass jemand, der seine Armee kurdische Dörfer sturmreif schießen lässt, Tausende Menschen ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis wirft und die Polizei auf friedliche Demonstranten hetzt, ein wenig mehr aushält als ein Gedicht auf seine Kosten. Gilt „wer austeilt, muss auch einstecken“ nicht mehr? Und sollte jemand, der mit einer Armee austeilt und Reime nicht einstecken kann, überhaupt eine Armee befehligen?

Natürlich ist es falsch, Böhmermanns Gedicht (auch nur in Teilen) zu verbieten. Seine Kritiker wollen es vollkommen isoliert als Aneinanderreihung von Beleidigung verstehen. Wer das macht, hat keine Ahnung von Satire, die immer an den Kontext gebunden ist. Ziel und Anlass sind entscheidend. In diesem Fall richtete es sich gegen einen Autokraten, der in seinem Land jede Opposition zerschlägt, Medien und Justiz gleichschaltet und sogar einzelne Facebook-Nutzer verfolgen lässt, wenn sie harmlose Scherze über ihn verbreiten. Und es war eine Reaktion darauf, dass dieser sensible Autokrat mit großem Getöse versuchte, nach dem Extra3-Video auch in Deutschland das Spotten auf seine Kosten zu verbieten. Also war es genau richtig, diesem Feind der Meinungs- und Kunstfreiheit mit einem Gedicht zu antworten, das aufgrund seiner absurden Übertreibungen schon wieder eine Parodie auf sich selbst ist.

Aber gegen Obama oder Merkel hätte Böhmermann so ein Gedicht nicht veröffentlicht, heißt es dann gerne, um die vermeintliche Doppelmoral und die spezielle antitürkische/rassistische Agenda hinter dem Gedicht zu entlarven. Stimmt, hätte er nicht und hätte halt auch keinen Sinn ergeben. Es sei denn, Obama oder Merkel hätten zuvor aufgrund eines erschütternd harmlosen Spottliedes eine diplomatische Krise provoziert, um ein Verbot zu erzwingen.

Auch der Vorwurf, Erdogan stehe ja nur prototypisch für „den Türken“, und die Beleidigungen gelten somit allen Türken, ist lächerlich. Nein, das Gedicht ist Erdogan gewidmet. Nur ihm alleine. Er hat sich diese Ehre durch die gewaltsame Ausschaltung der Opposition verdient, durch seinen (erfolgreichen) Feldzug gegen Presse und Justiz und dadurch, dass in der Türkei heute keiner mehr den Mut hat, ein solches Gedicht zu verteidigen oder gar zu schreiben.

Gideon Böss veröffentlichte zuletzt das Buch „Deutschland, Deine Götter – Eine Reise zu Tempeln, Kirchen Hexenhäusern“

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