Fake News bzw. 2+2= Ansichtssache

Nach der US-Wahl ist vor der Bundestagswahl und eines der ersten großen Themen ist dabei die Frage: was tun gegen Fake News?

Da dieses Thema die Meinungsfreiheit im Kern berührt, sollte besondere Vorsicht an den Tag gelegt werden. Doch schon die Verwendung des Begriffs „Fake News“ selbst lässt befürchten, dass es mit der Vorsicht nicht weit her ist. Problematisch am Begriff „Fake News“ ist, dass er viel zu diffus ist und umso diffuser etwas ist, umso leichter lässt es sich missbrauchen.

Aktuell werden unter diesem Begriff sehr viele verschiedene rhetorische Stilmittel und Verwirrungstaktiken zusammengefasst, die jedoch in ihrer Wirkung und ihrem Ziel zum Teil sehr unterschiedlich sind. Um nur drei zu nennen: Halbwahrheiten, Lügen und Propaganda – sie alle können unter dem Begriff Fake News zusammengefasst werden. Genau das ist gefährlich, denn damit wird der Spielraum kleiner, der für Meinungsäußerungen bleibt. Wo hört die Halbwahrheit auf und beginnt die Lüge und wo die Propaganda? Wo und von wem wird die Grenze gezogen? Es gibt keinen Grund, einen neuen Begriff zu erfinden. Halbwahrheiten, Lügen und Propaganda gab es schon immer und schon immer musste überlegt werden, wie ihnen begegnet wird.

Wichtig ist es, im Kampf gegen Fake News nicht in Hysterie zu verfallen, denn Hysterie ist der beste Nährboden für die Verbreitung von Fake News. Deswegen sollte auch nicht behauptet werden, dass die Menschheit gerade in ein Fake News-Zeitalter eingetreten ist und sich quasi einer vollkommen neuen Gefahr gegenübersieht. Das stimmt schlicht nicht. Im Gegenteil: noch nie in der Menschheitsgeschichte haben Fake News so wenig Einfluss gehabt wie heute. Juden wurden aufgrund von Fake News – mal Brunnenvergiftung, mal Gottesmord, mal Pestverbreiter – jahrhundertelang in Pogromen niedergemetzelt. Auch der Holocaust baut auf Fake News auf (das Weltjudentum will die arische Rasse vernichten). Sklaverei gründet auf Fake News, ebenso die Vorenthaltung politischer Macht für Frauen und die Diskriminierung von Homosexuellen. Fast alle Verbrechen in der Geschichte können auf Fake News zurückgeführt werden.

Fake News waren praktisch zu allen Zeiten an fast allen Orten dieser Welt Staatsräson. Verglichen damit leben wir in einem Zeitalter, das Fakten so sehr respektiert wie noch nie in der Geschichte. Unser „2+2=4“-Weltbild tritt an gegen das „2+2=Ansichtssache“-Weltbild, dessen „Ansichtssache“ im Zweifel alle humanistischen Werten verneint. Es ist ein Kampf, der aktuell vor allem über Kommunikationsplattformen (und nicht in Schützengräben) geführt wird. Und so wie immer, zeigen die Feinde der Freiheit auch heute ein erstaunliches Talent darin, moderne Kommunikationsformen in ihrem Sinne einzusetzen. Ohne dem Buchdruck hätte es die Hexenverbrennungen nicht gegeben und ohne Hinrichtungsvideos im Internet keine internationalen Freiwilligen für den Islamischen Staat.

Es ist wichtig, gegen Propaganda vorzugehen, wenn aber als Ergebnis davon die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird, ist dieser Kampf verloren. Ob eine Meldung strafrechtlich verfolgt werden muss, haben keine Parteien zu entscheiden, sondern Gerichte und das Aufdecken von Halbwahrheiten, Lügen und Propaganda gehört zu den wichtigsten Aufgabe der Presse. Außerdem gibt es am Ende immer noch ein Bollwerk gegen Fake News: das kritische Individuum, das zu gerne unterschätzt wird. Dabei baut doch auf dem Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, alles andere auf.

Gideon Böss schrieb zuletzt das Buch „Deutschland, deine Götter – eine Reise zu Tempeln, Kirchen, Hexenhäusern“

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