Breitscheidplatz, Berlin

„Ist was im Hotel drüben passiert?“ Der Obdachlose steht zwischen den Menschen, die Kerzen und Blumen an einem U-Bahn-Ausgang ablegen. Er fragt noch einmal und beim dritten Anlauf erzählt ihm eine Frau, dass es hier gestern einen Terroranschlag gab. Der Obdachlose räuspert sich, als er es verstanden hat und zieht dann mit seinem Hund weiter.

Um den Weihnachtsmarkt herum ist alles abgesperrt. Die Polizisten stehen mit ihren Maschinengewehren fast etwas verloren auf der leeren Straße. Kurzzeitig werden sie auch zu Reiseführern, wenn Touristen wissen wollen, wie sie denn jetzt zum Kaufhaus des Westens kommen. Es ist erstaunlich ruhig hier, die Menschen stehen beieinander und unterhalten sich, vor ihnen die Absperrgitter und hinter ihnen die Kamerateams, die nicht wissen, wen sie noch interviewen sollen.

Der angegriffene Weihnachtsmarkt liegt zentral auf dem Kurfürstendamm zwischen dem neuen Westberliner Zentrum Bikini Berlin – um das herum es Geschäfte, Restaurants, ein Kino und mehrere Hotels gibt – und der Tauentzienstraße, die von C&A bis hoch zu teuren Edelläden alles zu bieten hat. Während auf der Bikini Berlin-Seite wenig los ist, ist die Tauentzienstraße sehr belebt. Viele Menschen sind unterwegs, kaufen ein oder flanieren trotz unangenehmer Temperaturen an den Läden entlang. Wenn nicht überall Polizeiautos und bewaffnete Beamte wären, würde man nicht merken, dass an diesem Ort vor nicht einmal 24 Stunden ein Terroranschlag verübt wurde.

Wer will, kann sogar auf den Weihnachtsmarkt gehen. Die kleinen Bretterbuden sind verschlossen und liegen im Dunkeln da. Über ihnen erhebt sich die Gedächtniskirche mit ihrem zertrümmerten Dach in den Abendhimmel. Nur in einem Zelt brennt Licht. Ein Dutzend Männer befinden sich darin und gehören vermutlich zu den Ermittlern- Hinter ihnen an der Wand hängt ein Fernseher, in dem eine Reporterin zu sehen ist, die gerade live von hier berichtet. Ich kann sie gleichzeitig im Fernsehen und auf der Straße hinter mir sehen, wo sie ihren Text in die Kamera spricht.

Überfordert kichernd läuft eine Schulklasse zwischen den verschlossenen Buden entlang, die unter anderen Umständen längst offen hätten, um Waffeln, Lebkuchen und Glühwein an die Besucher zu verkaufen. Die Gasse, durch die der LKW raste, ist abgesperrt und nicht einsehbar. Wenige Meter Asphalt trennen den Tatort von der Tauentzienstraße, wo gerade die Leute auf der Suche nach Geschenken von Laden zu Laden ziehen. Es gibt mehrere Stellen rund um den Weihnachtsmarkt, an denen Blumen niedergelegt wurden. Sie sind umlagert von kleinen Menschentrauben. Immer wieder werden den Polizisten Blumen über die Absperrung gereicht, die diese dann zu den anderen legen.

Terroristen wollen nicht nur möglichst viele Menschen töten, sondern auch Unsicherheit und Panik verbreiten. Letzteres Ziel haben sie offenbar nicht erreicht. Berlin macht einfach da weiter, wo es vom Terroranschlag kurz unterbrochen wurde. Später höre ich zwar, wie ein Reporter in die Kamera spricht, dass die Berliner einen sehr angespannten Eindruck machen würden, aber ich vermute, dass er einfach noch nie davor in der Hauptstadt war. Die Leute sind erstaunlich wenig angespannt, dafür aber weiterhin furchtbar unhöflich. Das kann man schon mal verwechseln.

Gideon Böss schrieb das Sachbuch „Deutschland, deine Götter – Eine Reise zu Tempeln, Kirchen, Hexenhäusern“

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