Sie wollten doch nach Berlin!

Es ist alles ein wenig kompliziert mit der Deutschen Bahn. Eigentlich fahre ich gerne mit dem Zug und gebe mir auch Mühe, nicht immer in den Anti-DB-Chor einzustimmen. Aber die Bahn macht es einem leider nicht einfach.

Gestern musste ich nach einer Lesung von Duisburg nach Berlin zurück und bis Hannover schien das auch problemlos zu funktionieren. Dann aber wurden wir umgeleitet, weil auf der geplanten Strecke „Personen auf den Gleisen“ waren. Also über Braunschweig und eine Verspätung von 20 bis 30 Minuten, wie durchgegeben wurde.

Statt um 17:06 Uhr regulär an der Endhaltestelle Gesundbrunnen anzukommen, sollten wir nun erst um 17:14 Uhr in Berlin-Spandau sein und zirka eine Viertelstunde später am Endbahnhof. Um kurz vor 17:00 Uhr dann die Durchsage, dass wir nun doch erst um 17:30 Uhr in Spandau sind und zum Gesundbrunnen geht es heute ohnehin nicht mehr, dafür zum Hauptbahnhof.

Alles klar (warum man das nicht eine Idee früher wissen oder durchsagen konnte, war mir nicht wirklich klar), um 17:40 Uhr kamen wir dann schließlich am Hauptbahnhof an. Dort bat ich den Schaffner um das Kundenformular für Verspätungen und um die Bestätigung unserer verspäteten Ankunft.

„Warum?“, wollte er blaffend wissen und klang aggressiver, als ich es vom Mitarbeiter eines Unternehmens erwarten würde, dem ich gerade 110,5 Euro für eine Fahrt bezahlt hatte, die weder am geplanten Ort endete noch pünktlich war.
„Weil wir viel zu spät sind.“
„Sie wollten doch nach Berlin und Entschädigung gibt es erst ab einer Stunde.“
„Ich wollte nicht einfach nach Berlin, ich habe ein Ticket zum Gesundbrunnen gekauft. Und bis ich da bin, ist die Stunde voll.“
„Wir haben jetzt nur vierzig Minuten Verspätung, da kann ich ihnen doch nicht bestätigen, dass wir zu spät sind. Sind wir nicht, wir sind jetzt in Berlin.“
„Ja, am Hauptbahnhof.“
„Na und?“
„Dieser Zug sollte zum Gesundbrunnen fahren.“
„Aber selbst wenn, wäre es keine Stunde Verspätung.“
„Dann würden wir uns auch nicht unterhalten, weil ich dann am Ziel meiner Reise wäre, was ich jetzt nicht bin.“
„Was haben Sie da eigentlich, ist das Sparpreis?“
„Nein. Ist aber auch egal, ob Sparpreis oder nicht.“
„Meistens sind es die Sparpreis-Fahrer, die sich beschweren.“
„Ich hätte mich auch mit Sparpreis beschwert, denn ich habe nicht für eine Fahrt zum Hauptbahnhof bezahlt.“
„Das tut mir leid für Sie, aber wir sind keine Stunde zu spät in Berlin angekommen. Darum kann ich ihnen auch keine Verspätung bestätigen.“
„Ich hatte ein Ticket gekauft, das mich ohne Umsteigen von Duisburg nach Berlin Gesundbrunnen bringen sollte. Das ist nicht geschehen, also möchte ich die Wertminderung gerne erstattet bekommen.“
„Wie gesagt, wir sind am Ziel, Sie sind in Berlin und mehr kann ich da auch nicht weiterhelfen.“

Er rief dann noch einen Kollegen zur Hilfe, der ebenfalls auf mich einredete, dass ich doch nun am Ziel meiner Reise angekommen sei, und so trennten sich unsere Wege kurz darauf wieder. Irgendwie hat es auch etwas sehr unwürdiges, wenn ein Unternehmen meint, seine Versagen auf eine solche Art leugnen zu müssen. Amazon besteht ja auch nicht darauf, dass man doch aber eine Waschmaschine bestellt hat, wenn man reklamiert, dass die falsche Waschmaschine geliefert wurde. Überhaupt wäre mein Vorschlag, dass die Deutsche Bahn für einige Zeit unter Amazon-Zwangsverwaltung gestellt wird, bis sich in Sachen Service-Gedanke auch bei der Bahn so langsam das 21.Jahrhundert bemerkbar macht.

Zuletzt erschien von Gideon Böss das Sachbuch: Deutschland, deine Götter – Eine Reise zu Tempeln, Kirchen, Hexenhäusern

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