Bundespräsidentin Merkel, Günther Jauch und Oprah Winfrey

Kurze Zeit später und einige hundert Meter entfernt, umringte am Spreeufer eine Schar deutscher Inlandstouristen sehr alten Semesters einen kleinen, gebräunten Stadtführer. Er kommt aus den USA und läuft regelmäßig diese Route mit seinen – oft ebenfalls amerikanischen – Kunden ab. Auch er redete über Angela Merkel, ordnete sie aber korrekt dem Kanzleramt zu und versucht dem mäßig interessierten Publikum klar zu machen, um wen es sich bei dieser Politikerin handelt. Darum entschied er sich, den Gag zu bringen, der bei den amerikanischen Reisegruppen immer gut ankommt (und mit einem Lachen belohnt wird): „Frau Merkel ist die zweitmächtigste Frau der Welt…nach Oprah Winfrey.“ Niemand lachte. Was vielleicht daran liegen könnte, dass Deutsche es für unseriös halten, wenn Wichtiges auf lockere Weise vermittelt wird, aber in diesem Fall dürfte der Grund eher der gewesen sein, dass Oprah Winfrey für die Generation HJ schlicht kein Begriff ist.Überhaupt gibt es viel zu entdecken, wenn man sonntags rund um Kanzleramt, Tiergarten und Sony Center unterwegs ist. So liegen an sonnigen Tagen untrainierte, und leider praktisch unbekleidete Männerkörper auf der linken Spreeseite herum, in Gesellschaft von Bierflaschen und einem streunenden Hund. Und während es dieser Seite des Flusses an Textilien mangelt, finden sich auf der anderen Seite davon eher zu viele. Auf den Grünflächen in der Nähe von Schloss Bellevue grillen die muslimischen Familien. Trotz Sonnenhitze und Lagefeuer, das Kopftuch bleibt.Auf dem Weg durch den Tiergarten können dann drei Mittvierziger hinter einem her laufen, und einer davon kann sich für einen Komiker halten. Dann erzählt er in brüllender Lautstärke (leider verwechseln viele Deutsche Aggressivität mit Humor und leider sind viele Deutsche sehr humorvoll) seinen Witz. „Da sind wir an einem Plakat vorbeigekommen, auf dem stand: T-Punkt. Ich dann so zur Katharina: Hey, ist dein Telefon auch von T-Komma!“ Daraufhin stimmten die beiden anderen die Art von sympathischem Lachen an, das kleine Kinder für ein Leben zu traumatisieren vermag. Bald bogen die Herren ab, und aus der Ferne schwebte noch herüber: „Wenn sich drei Blondinen…“Kurz darauf wurde der Tiergarten von der Straße des 17. Juni zerschnitten und es ging Richtung weiter. Zwischen Brandenburger Tor und Sony Center hat sich eine neue Sehenswürdigkeit etabliert. So wie in Pisa jeder halbwegs unoriginelle Tourist für`s heimische Fotoalbum den Turm stabilisiert, und in New York die Freiheitsstatue abgelichtet wird, lächeln Berlin-Besucher vor einer Reihe schwarzer Steine in die Kamera, halten den Daumen in die Höhe und sind dabei ausgelassen und fröhlich. Oft klettern sie auf die Steine und springen von einem auf den anderen. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist Anziehungspunkt für die Touristen der Welt. Eine ältere Frau marschiert schnellen Schrittes zwischen den Stelen entlang, ihre Freundin versucht mühsam mitzuhalten, sie nehmen einen Richtungswechsel vor, dann noch einen, dann sind sie wieder draußen. Die Eilige lässt sich vernehmen: „Beeindruckend ist es nicht, aber wenn´s der guten Sache dient.“, dann noch ein Foto, auf einer Stele sitzend, freundlich lächelnd und schon geht es Richtung Alexanderplatz weiter. Was genau sie unter der „guten Sache“ verstand, blieb ihr Geheimnis. Vielleicht dachte sie, dass es hier ein bisschen wie bei Günther Jauch zugeht. Man läuft ein paar Meter über das Gelände und rettet dadurch einen Zentimeter Regenwald oder ein afrikanisches Kind oder irgendetwas in die Richtung. Als die Sonnen langsam unterging, warteten immer noch Menschen darauf, die Reichstagskuppel bewandern zu dürfen und möglicherweise befanden sich unter ihnen auch noch Vater und Sohn, weiterhin davon überzeugt, bald Präsident Merkel im Schlafanzug sehen zu können.

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