Schlechte Bücher, Zugfahrten und eine Frau, die im Zug schlechte Bücher liest

Sie trägt rote Brille zu roter Perlenkette zu grünem Hemd zu grüner Hose und wenn sich über dieses Outfit überhaupt etwas positives sagen lässt, dann, dass es auffällt. Der Zug hat Wannsee gerade hinter sich gelassen und ich nehme mir vor, herauszufinden, was die disziplinierte Leserin da durchblättert. Eigentlich rechne ich mit Schwergewichten der Weltliteratur, spekuliere, dass die rot-grüne Frau sich mit eiserner Disziplin Tolstoi und Co. antut, um dem Ideal eines nicht existenten Bildungsbürgertums zu entsprechen. Aber als sie endlich einmal den Buchrücken anhebt, kann ich sehen, was sie mit so viel Eifer verschlingt: „Generation Doof.“ So ziemlich das unnötigste Buch des Jahres (noch weit vor Feuchtgebiete). Es geht darin nicht, wie es Mode ist, um die 68er, sondern um die 30er. Um die Jahrgänge plus/minus 1978. Diese Leute sind nämlich alle irgendwie dumm, kein Vergleich zu den schlauen Köpfen früher Generationen. Und genau für diese schlauen Köpfe scheint das Buch auch geschrieben zu sein. Es ist die perfekte Ergänzung zum Spruch: „Früher war alles besser und die heutige Jugend ist eine Katastrophe.“ Die Perlenketten-Frau verlässt am Zoologischen Garten den Zug, und wird nun die jungen Menschen mit geschärftem Sinn beobachten, immer darauf hoffend, die neu gewonnenen Erkenntnisse bestätigt zu bekommen. Nun ja, zumindest ist es ein Hobby. Mich bringt diese Begegnung dazu, hier einen Text noch einmal zu veröffentlichen, den ich vor zwei Monaten geschrieben habe, als die beiden Autoren von „Generation Doof“ in Interviews mit u.a. dem Spiegel ihr Buch bewarben. Und damit schließe ich auf diesem Blog vorerst ab:

Es gab einmal ein Volk der Dichter und Denker, dieses Volk hielt Goethe in Ehren, wusste wann und wo Mozart geboren wurde und spielte nicht nur Klavier und Geige, sondern interessierte sich auch für die Philosophie der alten Griechen. Dieses Volk gibt es nicht mehr, es ist verschwunden, niemand weiß wohin und warum. Zurückgelassen hat es uns nur zwei angenehm arrogante Gestalten, die nun in ihrem Buch Generation Doof ebenso gnadenlos wie unoriginell mit der Dummheit derer abrechnen, die gerade stramm auf die 30 zu gehen. Stefan Bonner und Anne Weiss erklären, dass die Dummen an die Hand genommen werden müssen, und man nicht über sie lachen solle. Immerhin seien ja selbst sie beide nicht ganz frei von Bildungslücken, :Das ist ja süß, da wussten sie nicht wo Bad Pyrmont liegt. Und man bekommt so richtig Lust, mit diesen Spaßkanonen mal einen Abend zu verbringen. Wobei jetzt natürlich die Frage interessant ist, ob man eigentlich erst durch den exzessiven Genuss der Werke von Bastian Apostroph Sick so wird, oder man einfach schon als Langweiler geboren sein muss.Ihre Definition für die Generation Doof liest sich so.Mit anderen Worten: kein Risiko, keine Alleingänge, keine Neugier. Warum es schlecht sein sollte, dass Menschen ehrgeizige Ziele haben, bleibt das Geheimnis der Autoren. Mir ist jedenfalls ein Mensch sympathischer, der das Ziel hat, Superstar zu werden und damit scheitert, als einer, der immer nur werden wollte, was der Vater schon ist. (Wobei DSDS eh ein Extrembeispiel und darum unbrauchbar ist.)Überhaupt scheinen die beiden Kritiker der Generation Doof so ihre Probleme damit zu haben, dass wir heute so viele Freiheiten haben, wie keine Generation zuvor. Sie klingen eher wie die Generation Flakhelfer, wenn sie permanent über die Jugend nörgeln, die so viele Albernheiten macht und darum zu nix richtigem mehr zu gebrauchen sei. Das Leben soll ja nicht zu viel Spaß machen. Kritisch sehen es die Sittenwächter, dass die Generation Doof ihre Dummheit lustig und toll findet. Zumindest was das Betrifft, kann man sie aber beruhigen. Solches findet niemand lustig:Dieter-Evita, da merkt man schon, das ist ein ganz anderes Humorlevel, da kichert es dann nur noch von Friedrich Schiller an aufwärts. Aber das Ganze ist ja eigentlich gar nicht zum Lachen, denn es steht viel zu viel auf dem Spiel. Die stolze deutsche Kultur nämlich, die heute im wesentlichen nur noch von Stefan und Anne hochgehalten wird, die Beethovens Fünfte noch kennen und sich gegenseitig Hölderlin Gedichte vortragen, während um sie herum die Unkultur tobt und alles unter einem Matsch aus Klingeltönen, grässlichen Musiktiteln und Dieter Bohlen begräbt, bis es dann schließlich heißt: Über allen Gipfeln ist Doof.Das wird man sehen, und wenn sich die Pendel-Theorie bestätigen sollte, dürften in den Haushalten Bonner und Weiss wahre Genies heranwachsen. Aber bis dahin bleibt ihnen nur, den Abstieg Deutschlands vom Thron der Kultur zu beweinen, ihre Seelen mit dem ein oder anderen Gedicht Eduard Mörikes zu streicheln und sich darüber zu ärgern, dass es heute Dinge wie Playstation, I-Pod und Internet gibt.

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