Sex and the City (schlechte Serie, schlechter Einfluss)

Tabubrüche wurden gefeiert, wenn sich eine in den verblühten Jahren ihres Lebens stehende Frau einen Dildo kaufte und mit diesem dann allerlei Peinlichkeiten erlebte. Während solche aufregend langweiligen Handlungsstränge ausreichten, um Sex and the City über Jahre am Leben oder zumindest im Fernsehprogramm zu halten und einem Großteil der abiturierenden Mädchen so der Respekt für den Sex Ü-40 beigebracht wurde, konnte aber längst nicht alles mit Lob rechnen, was sich damals in TV und Kino mit Sexualität beschäftigte. American Pie beispielsweise galt vielen Eltern als auf Leinwand gebannter Beweis für eine nur noch am Geschlechtsverkehr interessierte, hemmungslose und oberflächliche Jugend. Was etwas verwundert, wo sich doch Sex and the City und American Pie der gleichen Erfolgsformel bedienten, nämlich aus den Zutaten Sex und Liebe skurrile Begebenheiten zu basteln. Wir lernen daraus: Alle Dildos sind gleich, aber manche sind gleicher.Nun ist Sex and the City zwar so originell wie die Lektüre des Telefonbuchs, aber da man sich diese seriale Langeweile nicht antun muss, hält sich der Schaden in Grenzen. Zumindest klingt das in der Theorie so einfach. Doch die Praxis ist eine andere. Dem Sex and the City Fan-Material ist sein stilles TV-Glück leider nicht genug. Der Selbstbetrug, ein aufregendes New York-Leben zu leben oder zumindest irgendwie daran teilzuhaben, will schließlich gepflegt werden. Und Menschen, deren eigene Existenz in langweiligen Bahnen im Sande verläuft, können die drehbuchbedingte Schlagfertigkeit von Schauspielern durchaus für etwas Beeindruckendes halten. Der Notizblock im Kopf schreibt eifrig mit, wenn eine der vier wieder etwas sehr kesses, sehr freches, sehr witziges abgefeuert hat. Das will die Tina auch mal können. Das will sie später mal werden.

Die Serie verschwand vor Jahren vom Bildschirm und die Menschheit wurde großzügig für diese Zumutung entschädigt. Mit Lost, mit 24, mit Six Feet Under, mit den Sopranos. Und selbst Desparate Housewifes erschien im Vergleich noch wie ein Ausbund an Kreativität. Alles schien gut, bis jetzt vor ein paar Tagen ein Sex and the City-Kinofilm anlief. Und kaum waren die vier New Yorkerinnen wieder da, galt das Gleiche auch für ihre Anhängerinnenschaft. Gut, es waren weniger geworden, einige kamen durch den Genuss der erwähnten Serien abhanden, hatten nun höhere Ansprüche. Doch die ewig Treuen jubilierten und probierten nach dem Besuch des Films sogleich ihre geklaute Spontanität, ihre als Selbstbewusstsein, als „die nimmt sich was sie will“-Mentalität missverstandene Aufdringlichkeit und Selbsterniedrigung aus. Sie saßen als Viererbund nach dem Kino im Cafe und es wurde direkt für klare Verhältnisse gesorgt. „Ich bin Samantha!“, schrillte es aus einer Tina heraus und es dauerte nicht lange, ehe sie – Figur verpflichtet – mit Blick auf einen blonden Mann von vielleicht 30 Jahren raunte: „Ob der für eine Nacht gut wär?“

Sie sagte es und ihrer Stimme war dabei anzuhören, wie irritiert sie über das soeben ausgesprochene war. Das ist doch nicht die Tina, die liebe Tina, die sonst dochso zurückhaltend ist. Eher Mauer als Blümchen. Die anderen beteiligten sich ebenfalls an dem Planspiel. Kichern und „wie wir wieder lästern“-Gegacker legten sich über den Tisch. Ihnen allen war die Art von heißerer Unsicherheit eigen, mit der über Themen gesprochen wird, von denen man selber wenig bis gar keine Ahnung hat. Die Kluft zwischen der Überlegung, einen fremden Mann „für eine Nacht“ zu nehmen, weil er dafür „vielleicht gut wäre“ und der angeborenen Verklemmtheit war so groß, dass die armen SexCitylerinnen gar nicht anders konnten, als sich gegenseitig immer weiter hochzuschaukeln. Wenn es vier Ordensschwestern gewesen wären, die Situation hätte nicht surrealer wirken könnne. Und so saßen die vier noch lange zusammen und träumten von einer Welt, in der sie so dynamisch und leichtfüßig durch die Straßen und Betten schweben, wie ihre TV-Idole und warten in einem prenzlauerbergischen Cafe auf Mr.Big oder noch besser: die Ankündigung eines weiteren Sex and the City-Kinofilms.

Dass ihr selbstbetrügerisches Gequassel die anderen Gäste nur nervte und zugleich Mitleid erweckte, registrierten sie dabei gar nicht. Sie waren ganz Samantha, alle vier.

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