Zu Besuch bei Scientology

Die Deutschlandzentrale von Scientology wirkt wie eine Mischung aus Arztpraxis und der Kulisse eines Science-Fiction-Films. Kaum hatte ich das Gebäude betreten, schwirrte eine freundliche, ältere Frau auf mich zu. „Sie wollen sich etwas umsehen? Am besten zeigen wir ihnen zuerst einen Film.“ Er handelte vom reaktiven Verstand, der uns Menschen kaputt macht. Wegen ihm prügeln Jugendliche aufeinander ein, kommen wir vom rechten Weg ab, überwacht der Verfassungsschutz Scientology.

Zum Glück aber hat der Scientology-Gründer L.Ron Hubbard eine Technik entwickelt, die uns vor den negativen Folgen schützen kann. Und weil seine Technik so revolutionär ist, ging es nach dem zweiminütigen Einspieler direkt weiter in einen kleinen Kinosaal, der wie eine Kapelle aussah. Dort wurde die Langfassung – 30 Minuten – gegeben. Der Film besaß die Ausstrahlung eines Hochglanz-Werbeprospekts. Auf einer Grafik wurden alle Scientology-Center der Welt aufgeführt. Unter anderem soll es auch welche in Saudi-Arabien geben. Das wage ich mal zu bezweifeln…

Nach dem Film wollte ein freundlicher, junger Mann (vielleicht der Sohn der freundlichen, älteren Frau) meine Fragen beantworten. Wir setzten uns hin und in den nächsten Minuten fragte ich kreuz und quer alles Mögliche, was mir gerade so einfiel. Ob es einen Schöpfer gibt (ja, aber der ist nicht so wichtig), ob Mann und Frau gleichberechtigt sind (ja), ob Homosexualität normal ist (nein), ob es theoretisch auch Scientology-Staaten geben könnte, so wie es islamische Staaten gibt (nein), ob es ein Leben nach dem Tod gibt (Wiedergeburt), ob mein Fragen-Beantworter schon mal gelebt hat (ja, er hat Erinnerungen an mehrere frühere Leben), ob ich auch als Tier zurück kommen kann (ja, wenn ich will) und ob es dann moralisch nicht heikel ist, Tiere zu töten, wenn doch jedes Schwein und jedes Huhn mein Großvater sein könnte, der sich mal ein Leben in dieser Gestalt gönnen wollte (keine Antwort).

An diesem Punkt des Besuchs – es war Tag der offenen Tür – schien schon recht klar, was das intellektuelle Fundament dieser Kirche ist: Das Halbwissen eines abgebrochenen Psychologiestudiums, etwas Buddhismus für Anfänger, Esoterik und gemeinsam-sind-wir-stark-Kitsch. Und dann folgte der legendäre Fragebogen! Von dem hatte ich schon als Grundschüler gehört. Gehirnwäsche und Zwang waren die beiden Worte, die mir sofort dazu einfielen. Weil es die beiden Worte waren, die alle Lehrer, Erzieher und Pädagogen ständig benutzten, wenn sie uns vor den Scientologen warnen wollten (war das damals Gehirnwäsche?)

Am Ende stellte sich das Ganze aber eher als Fleißarbeit heraus. 200 Fragen wollten gelesen und beantwortet werden. Unter anderem sprach ich mich gegen die Rassentrennung aus (Frage 129). Dann folgte die Auswertung. Sorgenvoll blickte die freundliche, ältere Scientologin auf das Papier, auf dem verschiedenen Skalen zu sehen waren. Und schon prasselte ihre Auswertung auf mich nieder.

„Ihre Werte sind in vielen Bereichen im unakzeptierbaren Zustand.“

„Sie fühlen sich unwohl, weil sie kein festes Ziel haben.“

„Sie sind nervös, macht ihnen das im Alltag sehr zu schaffen?“

Jedes Mal widersprach ich ihrer Auffassung und als ich schließlich meinte, dass ich recht zufrieden bin und auch eher positiv – und nicht verängstigt, wie es das Testergebnis nahelegte – in die Zukunft blicke, kapitulierte sie.

„Schön, dann wünsche ich ihnen, dass das auch so bleibt!“

Ehe ich das Gebäude verließ, wollte ich dann aber auch noch das E-Meter ausprobieren. In beide Hände wurden leichte Stäbe gelegt, von denen Verkabelungen in ein bizarres Gerät führten, an dessen Außenseite eine Nadel angebracht war, die je nach meiner Reaktion nach links oder rechts ausschlug. Es sah wie ein ausgemusterter Geigerzähler aus. „Denken sie an eine Person, mit der sie einen schlimmen Streit haben.“ Ich dachte nach und die Nadel schlug aus. Aufgeregt wollte die Frau wissen „an wen denken sie, das ist ja außergewöhnlich.“ Gerne hätte ich ihr Namen geliefert, doch ich konnte nicht. „An niemanden, mir fällt niemand ein.“ Kurz darauf endete diese Vorführung dann auch schon wieder und so ganz überzeugt bin ich vom E-Meter noch nicht. „Das E-Meter kann Gedanken sichtbar machen“, flüsterte mir die freundliche, ältere Frau noch effekthaschend zu. Naja. Danach ging ich nachhause.

Niemand wollte mir Infomaterial aufzwingen, Bücher verkaufen oder mich zu Sitzungen einladen. Sehr negativ ins Gewicht gefallen ist aber die scientologische Ablehnung der Schulmedizin und Psychologie. Tabletten dürfen nur im absoluten Notfall genommen werden, Antidepressiva nie. Warum ihnen in Deutschland eigentlich so misstraut wird, wollte ich noch wissen. „Weil die Pharmazie-Lobby uns fürchtet.“ Ach so ist das.

Die Schöpfungsgeschichte von Scientology kann hier bestaunt werden und hier ein ins Deutsche übersetztes Tom Cruise Interview.

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